Scene Sciences #0: Hardcore Pit vs. Moshpit – Karate Kids vs. Friedlicher Pogo?!

Wenn man in der alternativen Musikszene unterwegs ist, gibt es oft ein bestimmtes Streitthema, welches allerdings wenig differenziert betrachtet wird. Sieht man sich auf YouTube zum Beispiel einen Gig einer Hardcore-Band an, gibt es oft Kommentare, die den Tanzstil der Crowd als Karate oder Ähnliches bezeichnen.

Je nachdem, um welche Band es sich dabei handelt, folgen darauf Anfeindungen gegenüber Leuten, die sich über Slam-Dancing, Throw-Down oder wie man den Tanzstil bei einer Hardcore-Show nennen möchte, lustig machen.

Ähnlich verhält es sich mit Videos, in denen Menschen über das Thema sprechen, die sich aber recht offensichtlich wenig in der Szene bewegen und das Thema daher auch eher undifferenziert besprechen und diese Art zu Tanzen mit mutwilliger Körperverletzung gleichsetzen. Auch unter solchen Videos findet man viele Hasskommentare, von Menschen, die diesen Tanzstil wenig differenziert rechtfertigen.

Daher möchte ich in diesem Post ein differenziertes Bild zu Moshpits in der Hardcore-Szene und Moshpits bei Mainstream-Konzerten präsentieren, um Missverständnisse diesbezüglich aufzuklären.

In diesem Video von Show Me The Body sieht man, wie es im Pit bei einer Hardcore-Show im Optimalfall aussieht. – Alle haben zusammen Spaß. Das Video ist natürlich organisiert, aber trotzdem zeigt es, wie ein Pit aussehen kann

Wo liegt der Unterschied?

Bei Hardcore-Shows befindet sich der Pit vor der Bühne. Man mosht NUR in diesem Bereich. Ergo hat man die Wahl und kann entscheiden, ob man moshen möchte oder nicht. Wählt man Option 1, so tut man dies auf eigenes Risiko. Bei Option 2 positioniert man sich vorzugsweise so, dass man nicht am Pit steht und die Show von weiter hinten oder von der Seite aus in Ruhe genießen kann.

Bei “normalen” oder Mainstream-Pits gibt es diese Regel nicht. Oftmals befindet sich der Pit zwar im vorderen Bereich der Zuschauerschaft, allerdings sind Moshpits deutlich unberechenbarer als Pits bei Hardcore-Shows, da sie zu jeder Zeit und an jedem Ort entstehen können. Daher wird einem bei solchen Shows die Wahl, ob man am Pit teilnehmen möchte, oftmals abgenommen, da man schnell unfreiwillig dort landet.

dance hardcore GIF
Ein Pit bei einer Hardcore Show
Jump Around Hiphop GIF
Ein Moshpit

Ein weiterer, entscheidender Unterschied ist, dass es sich bei Throw-Down um bewusstes und gezieltes Tanzen handelt, während man sich bei Moshpits lediglich gegenseitig schubst und nicht gezielt tanzt. Die Moves auf Hardcore-Shows wirken rabiater, aber im Normalfall muss man sich keine Sorgen machen, verletzt zu werden, da die Leute im Pit gezielt tanzen und man dabei eher aufeinander aufpasst als in einem Mosh Pit. Ergo lassen sich bei Hardcore-Shows Unfälle leichter vermeiden, gerade weil man sich gezielt bewegt und die Hektik, die Mosh Pits mit sich bringen, wegfällt.

Ein Phänomen, das man an dieser Stelle allerdings gesondert ansprechen muss, ist Crowd-Killing.

Was ist Crowd-Killing?

Das Urban Dictionary liefert zwei Definitionen zu diesem Phänomen. Erstere beschreibt es recht treffend, während die letztere emotional aufgeladen ist und das grundlegende Problem des Crowd-Killings aufzeigt, nämlich, dass jemand durch sein Verhalten ein Gefühl der Unsicherheit und Frustration bei anderen Konzertbesuchern auslöst.

Regular Show Death Bear GIF
Crowd-Killers be like…
  1. Wenn jemand bei einer Hardcore- oder Metalcore-Show am Rande des Pits tanzt, um dabei Menschen in der Menge zu schlagen
  2. Wenn ein Möchtegern-Harter-Kerl mit Ego-Komplex eine Person in der Menge ins Gesicht schlägt (oftmals per Sucker Punch), weil es ihm das Gefühl gibt, ein Mann zu sein.

Crowd-Killing kann grundlegend bei jeder Show stattfinden, allerdings kann man ihm leicht ausweichen, indem man den Pit und dessen Rand meidet, wenn man merkt, dass die Zuschauerschaft aggressiv mosht. Das heißt aber keinesfalls, dass ich Crowd-Killing gutheißen oder relativieren möchte. Ich persönlich finde es einfach nur unnötig.

Ein Irrtum diesbezüglich ist, dass bei jeder Show Crowd-Killing betrieben wird und alle Menschen, die bei einer Hardcore-Show moshen, Aggressionsprobleme haben. Leider differenzieren Menschen, die sich weniger in der Szene bewegen, nicht zwischen den Besuchern, die crowdkillen und normalen Moshern bei Hardcore-Gigs und nehmen wegen Vorfällen, bei denen Menschen durch Crowd-Killing verletzt wurden, an, dass Throw-Down allgemein aggressiv ist und man darauf abzielt, Menschen zu verletzen. Dies ist jedoch nicht der Fall und auch einige Menschen, die sich in der Hardcore-Szene bewegen, sind Crowd-Killing abgeneigt. Wenn man mosht, dann verantwortungsvoll und mit Rücksicht auf andere. Natürlich gibt es auch rücksichtslose Menschen auf solchen Shows, aber man sollte dennoch keinesfalls verallgemeinern.

Crowd-Killing hat nichts mit Hardcore zu tun und entspricht nicht den Werten der Szene. Im Gegenteil, es zerstört eher den sicheren Ort, den die Szene für alle möglichen Menschen schafft durch unnötige Gewalt und gibt der Szene als Ganzes eine schlechte Repräsentation -Crowdkiller sind Looser.

Lieber friedlich twosteppen!

Der Twostep ist der grundlegende Schritt bei Hardcore-Shows und hat seinen Namen, da es sich um zwei Schritte handelt

Welche Probleme gibt es bei Mosh Pits auf Mainstream-Konzerten?

Wie bereits angesprochen, handeln Konzertbesucher in Mosh Pits tendenziell weniger bewusst bei dem, was sie tun, da sie sich gegenseitig stoßen und wahlloser handeln, was das Unfallrisiko bei solchen Shows erhöht.

Da es sicherlich keine Statistiken zu diesem Thema gibt und ich Verallgemeinerungen generell negativ gegenüberstehe, möchte ich betonen, dass das Folgende meine subjektive Einschätzung basierend auf einschlägigen Konzerten ist.

Wenn man sich vor Augen führt, dass die Menschen weniger bewusst tanzen und es neben der Grundregel, Menschen vom Boden aufzuheben, wenig Etikette bei normalen Moshpits gibt, lässt sich erahnen, dass es tendenziell auch vermehrt zu Schlägereien kommen kann. Zudem konnte ich oft das Phänomen beobachten, dass andere Konzertbesucher, wenn man sie wegen rücksichtslosem Verhalten konfrontierte, den Vorwand nutzten, dass es im Pit halt so ablaufe und man sich nicht so anstellen solle. Also gibt es bei Mainstream Shows zusätzlich eine Tendenz für toxische Männlichkeit, die darin zum Ausdruck kommt, dass man sein rücksichtsloses Verhalten dadurch rechtfertigt, auf einem Konzert, sprich in einem vermeintlichen “Ausnahmezustand” zu sein, in dem man “nur” Dampf ablässt und dabei anderen Menschen die Show versaut. Das kann auch bei Hardcore-Shows passieren, aber ich habe diese Erfahrung bisher eher bei größeren Konzerten gemacht.

Dabei lässt sich gut eine Parallele zu Crowd-Killing ziehen, da im Endeffekt kein großer Unterschied zwischen rücksichtslosen Moshern in Moshpits und Crowd-Killern besteht. Beide verletzen fahrlässig andere Menschen. Dabei gehen letztere aktiv auf andere los, lassen sich aber leicht vermeiden, da man dem Pit bei einer Hardcore-Show leichter vermeiden kann. Erstere lassen sich, wie bereits beschrieben, aufgrund der Unvorhersehbarkeit von Moshpits allerdings schlechter vermeiden.

Was sieht gefährlicher aus?

pit mosh GIF

oder:

Mosh GIF
Wall of Death

Was spielt das für eine Rolle in Zeiten von Trump und Corona?

Ich hoffe, es wird klar, dass auf Hardcore-Shows keinesfalls plumpe Gewalt gedultet oder gutgeheißen wird. Crowd-Killing ist Mist und hat nichts mit den Werten der Szene zu tun. Bei vielen, die ihre Meinung zu diesen Themen darstellen, ist allerdings offensichtlich, dass diese Personen weniger Bezug zur Szene und deren ungeschriebenen Regeln haben und daher basierend auf ihrer persönlichen Auffassung Verallgemeinerungen treffen.

Dies ist abseits von der Musik ein großes Problem und man sollte generell keine Meinung zu einem Thema formulieren, mit dem man sich nicht genug auseinandergesetzt hat. Gerade die Tatsache, dass wir im postfaktischen Zeitalter leben und Rechtspopulisten überall in der Welt an die Macht kommen, weil sie Unwahrheiten als “Fakten” darstellen, hebt hervor wie wichtig es ist, sich zu informieren bevor man sich eine Meinung bildet. In diesen Zeiten muss man sicherstellen, dass die eigene Meinung differenziert und fundiert ist. Somit zeigt ein recht banales Thema, wie Tanzarten in einer Subkultur, wie wichtig es ist, sich ordentlich zu informieren und keine Halbwahrheiten oder Unwahrheiten zu verbreiten. Auch bezogen auf Covid-19 sieht man, wozu unbewusstes Handeln und Verbreiten von Halbwahrheiten führen kann.

Bezüglich der aktuellen Lage möchte ich folgendes anmerken: Handelt rücksichtsvoll und hamstert nicht, da manche Leute es sich nicht leisten können, auf Vorrat zu kaufen. Haltet euch vielleicht auch vor Augen, wie gestresst Arbeiter in Supermärkten und im medizinischen und Pflegebereich aktuell sein müssen und bleibt daheim, wenn möglich. So steckt ihr nicht euch und auch niemand anderen an und entlastet dadurch diese Berufsgruppen. Und zu guter letzt: Verbreitet keine falschen Informationen über Corona und im Allgemeinen und setzt euch mit Dingen auseinander bevor ihr eure Meinung zu etwas teilt.

Bild von Ann H auf pexels: https://www.pexels.com/@ann-h-45017

Mein Fazit:

  • Man muss zwischen mutmaßlicher Körperverletzung in Form von Crowd-Killing und Tanzen in der Hardcore-Szene im Allgemeinen unterscheiden, da Crowd-Killing nicht repräsentativ für die Szene ist
  • Bei HC-Shows ist es leichter, den Pit zu vermeiden und alles läuft etwas geregelter ab, auch wenn es auf den ersten Blick rabiater wirkt
  • Mosh Pits bei Main-Stream Shows sind weniger berechenbar und bieten dadurch ein größeres Verletzungsrisiko
  • Es gibt weniger Mosh-Etikette bei solchen Shows, was zudem das Risiko erhöht

Was sollte ich hiervon mitnehmen?

  • Die Pits bei Underground-Shows im Hardcore und bei Mainstream-Konzerten bekannter Bands unterscheiden sich. Wenn man dies weiß, verhält man sich dem entsprechend und vermeidet dadurch, verletzt zu werden
  • Insbesondere bei größeren Konzerten könnten und sollten sich Menschen rücksichtsvoller verhalten, gerade, da bei einem Festival Menschen auch alkoholisiert sein können und dadurch vielleicht schneller gewalttätig werden
  • Man sollte sich keine undifferenzierte, unfundierte Meinung bilden
  • verhaltet euch rücksichstsvoll, egal ob bei Shows oder in anderen Lebensbereichen

Erneut möchte ich darauf hinweisen, dass dies meine persönlichen Erfahrungen sind und man bei diesem Thema nicht wirklich auf wissenschaftliche Quellen zurückgreifen kann, weshalb dieser Post keine allgemeingültige Wahrheit präsentiert, sondern lediglich eine Einschätzung basierend auf meinen Erfahrungen in der Szene darstellt.

Wie immer vielen Dank für’s Lesen und schreibt gerne einen Kommentar. Bleibt gesund und lasst euch gleichzeitig nicht durch Corona stressen. Wenn ihr aktuell zu Hause seid, nutzt die Zeit für etwas Produktives, was ihr immer schon einmal machen wolltet. Außerdem geht unter der Welle an Informationen über Corona unter, was ansonsten in der Welt abläuft, zum Beispiel die katastrophale Lage in griechischen Flüchtlingslagern. Also informiert euch bitte nicht nur über Probleme, die euch direkt betreffen, sondern auch über Probleme in der Welt allgemein, damit diese in der aktuellen Lage nicht in Vergessenheit geraten.

-sovlpvnk

Nächstes Mal: Vegan Kochen ohne großen Aufwand

Published by sovlpvnk

This is my personal blog about culture and sustainability. It is mainly concerned with topics that I'm interested in, mostly the alternative music scene and its ethics as well as LGBTQIA+ -related topics and veganism. I post my content in English and German.

2 thoughts on “Scene Sciences #0: Hardcore Pit vs. Moshpit – Karate Kids vs. Friedlicher Pogo?!

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