Listen-In #1: Ein Zeichen gegen Heteronormativität und toxische Männlichkeit: “Lemon Party” von letlive.

Heute werde ich euch zeigen, wie die Band letlive. in ihrem Song “Lemon Party” Heteronormativität und toxische Männlichkeit verarbeitet und kritisiert. Als Grundlage für diese Analyse werde ich zunächst diese beiden Konzepte erklären.

Was ist Heteronormativität?

Butler und Merriam Webster definieren Heteronormativität als die Einstellung, dass Heterosexualität der einzig normale und natürliche Ausdruck von Sexualität sei (Vgl. Butler 2019). Laut Butler beinhaltet dies auch, dass Cisgender-Menschen, sprich Menschen, deren Gender Identity mit ihrem Geburtsgeschlecht übereinstimmt, in Beziehungen mit nicht-gleichgeschlechtlichen Personen als der Standard angesehen werden (Vgl. ebd.).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Heteronormativität eine Einstellung basierend auf der Auffassung ist, dass Heterosexualität der Norm entspricht. Daher Heteronormativät.

Dieses Konzept von Familie wird der Realität unserer Zeit nicht gerecht, da sie nur eines von vielen möglichen Modellen darstellt. Wenn eine Familie von diesem Modell abweicht, heißt das nicht, dass diese weniger wert ist als eine Familie, die diesem Modell entspricht

Butler nennt neben der Auffassung, dass die Ehe zwischen Mann und Frau “normal” sei, ein weiteres Element von Heteronormatität in Form einer Einteilung von Individuen basierend auf ihren Genitalien (Vgl. ebd.). Das hebt ein grundsätzliches Problem von Heteronormativität hervor, nämlich, dass Individuen aufgrund eines einzelnen Merkmales (des biologischen Geschlechtes) einer Kategorie zugeordnet werden und darauf basierend Erwartungen an sie erhoben werden, die diese Personen auf diese Geschlechterrolle reduzieren. Das ist zum einen engstirnig und reduktionistisch und zum anderen sexistisch.

Heterosexualität ist die Basis für den Fortbestand unserer Spezies, weshalb ich nachvollziehen kann, warum man dies als normal ansieht. Allerdings wird durch Heteronormativität Heterosexualität zur Norm, der man entsprechen “muss”, da man permanent mit geschlechtsbasierten Normen und Stereotypen konfrontiert wird. Diese implizieren, dass alles außerhalb der heterosexuellen Norm abnormal ist und das kann sowohl für Heterosexuelle, als auch Nicht-Heterosexuelle Probleme mit sich bringen. Ich weiß, dass wir uns davon wegbewegen und es mehr Toleranz gibt, aber dennoch sind die oben genannten Ansichten tief in uns verankert und immer noch präsent.

Beispielsweise kann laut Butler für Zugehörige des LGBTQ+ Spektrums der Eindruck enstehen, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung nicht dem Geltungsbereich der Gesellschaft zu entsprechen (ebd.). Ein persönliches Beispiel von meiner Seite: wenn man aromantisch und asexuell ist, kann es sein, dass man durch das oben genannte Phänomen den Eindruck erhält, abnormal oder “kaputt” zu sein oder keine Liebe zu verdienen, wenn man merkt, dass man keine Ambitionen für sexuelle oder romantische Beziehungen hat, weil die Gesellschaft solche Beziehungen permanent als erstrebenswert und natürlich darstellt. Diese Normalisierung führte dazu, dass ich mich fragte, ob etwas nicht mit mir stimmt. Daher fühlte ich mich als würde ich nicht “funktionieren”, weil ich etwas laut der Gesellschaft universell erstrebenswertes wie eine Beziehung nie anstrebte.

Auch Nelson spricht dieses Thema an und fasst es wie folgt zusammen: “Queer folks, trans folks, and folks of color are inherently outside of the demands of heteronormativity. So, knowing how to recognize these societal pressures as “heteronormativity” is a wonderful way of knowing why you feel “outside” of certain parts of society’ (Nelson, 2015). Angehörige des LGBTQIA-Spektrums, welches neben Homosexuellen auch Trans gender und asexuelle Menschen umfasst, liegen laut Nelson grundsätzlich außerhalb des heteronormativen Geltungsbereiches, weshalb der Begriff “Heteronormativität” ein treffender Begriff ist, um gesellschaftlichen Druck auf diese Gruppen zu benennen.

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Diese Bemerkung ist ein gutes Beispiel für Heteronormativität und Sexismus. Die Vorstellung, Frauen seien verpflichtet auf (unerwünschte) Komplimente oder Kommentare einzugehen, ist sexistisch und heteronormativ, da sie vorraussetzt, dass die Frau sich auch als solche identifiziert und hetero ist.

Nelson nennt zudem ein Beispiel von Heteronormativität, das verdeutlicht, wie auch heterosexuelle Personen auf negative Art und Weise davon betroffen sein können.

In deren Beispiel macht sich eine Frau Sorgen, als verzweifelt herüber zu kommen, wenn sie einen Mann direkt anspricht. Das basiert auf Heteronormativität, da die Frau aufgrund der heteronormativen Erwartungen der Gesellschaft nervös ist und ihr Verhalten danach ausrichtet. Laut diesen Werten wäre es Aufgabe des Mannes, auf sie zuzugehen und es würde verzweifelt wirken, wenn sie auf ihn zugeht, weil das implizieren würde, dass sie lediglich von niemandem angesprochen wurde und daher aus Mangel an “Auswahl” selbst jemanden anspricht.

Als die Frau auf den Mann zugeht, spricht dieser von oben herab zu ihr und betitelt sie unangemessen basierend auf ihrem Geschlecht. Auch dies ist heteronormativ und zusätzlich sexistisch. Da der Mann davon ausgeht, dass es für eine Frau erstrebenswert ist, von einem Mann angesprochen zu werden und er vorraussetzt, dass sie heterosexuell ist, geht er davon aus, dass dieses Handeln für sie in Ordnung ist. Laut seiner Logik ist dieses Verhalten lediglich ein Zeichen seines (sexuellen) Interesses an ihr. In Wirklichkeit ist sein Verhalten einfach nur unangemessen.

Allerdings geht die Frau, weil ihr die Bemerkungen unangenehm sind. Daraufhin sagt der Mann, dass dies übertrieben und sie übermäßig emotional sei. Auch dies ist sexistisch und heteronormativ. Es ist sexistisch, da er die Emotionalität auf ihr Geschlecht zurückführt und heteronormativ, da er davon ausgeht, dass es für Frauen generell erstebenswert ist, von Männern angesprochen zu werden und er darauf basierend handelt. In seiner heteronormativen Logik ist ihr Verhalten irrational, allerdings ist es sein Verhalten, dass dazu führt, dass sie geht, weil er sie unangemessen behandelt.

Danach fasst Nelson Folgendes zusammen: “Heteronormativity, then, is a system that works to normalize behaviors and societal expectations that are tied to the presumption of heterosexuality and an adherence to a strict gender binary’ (Nelson 2015). Heteronormativität ist ein System, das Verhaltensweisen und gesellschaftliche Erwartungen zur Norm macht, die auf der Auffassung basieren, dass Heterosexualität der Normalfall ist und eine binäre Unterteilung in Geschlechter als gültig anerkannt wird (Vgl. ebd.). Dies fasst perfekt das oben genannte Beispiel zusammen. Basierend auf der Annahme, dass Heterosexualität der Normallfall sei, geht der Mann davon aus, dass es in Ordnung sei, die Frau so zu behandeln. Allerdings belästigt er sie basierend auf dieser Annahme.

Bezüglich Heteronormativität gibt es noch viel mehr zu besprechen. Der Schwerpunkt dieses Posts soll allerdings darauf liegen, wie dieses Konzept in einem Song verarbeitet wird. Zudem möchte ich auch noch toxische Männlichkeit ansprechen. Daher würde ich euch empfehlen, bei Interesse den Artikel von Nelson zu lesen, in dem sehr detailliert auf das Thema eingegangen wird, da ich das Thema hier nicht komplett behandeln kann.

What Is Heteronormativity – And How Does It Apply to Your Feminism? Here Are 4 Examples

Was ist toxische Männlichkeit?

Laut dem Cambridge Dictionary beschreibt toxische Männlichkeit schädliche Ideen, wie sich Männer verhalten sollten, zum Beispiel die Idee, dass sie nicht weinen oder Schwäche zugeben sollten (Cambridge Dictionary). Toxic Masculinity “beschreibt eine in unserer Gesellschaft vorherrschende Vorstellung von Männlichkeit und umfasst das Verhalten, das Selbstbild und Beziehungskonzepte von Männern sowie kollektive männliche Strukturen” (Müller 2018). Beispiele hierfür sind die Handelsmaximen für Männer nicht schwach oder zärtlich, sondern aggressiv und stark zu sein und Konkurrenz zu suchen (vgl. Müller 2018). Toxische Männlichkeit beschränkt sich jedoch nicht auf Männer, sondern kann sich in Form von Gewalt auf Frauen und nicht heterosexuelle Menschen auswirken.

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Das sind perfekte Beispiele für toxische Männlichkeit.
I did not make this. This is for educational purposes only and all rights belong to HUFF POST
Schaut das ganze Video von HUFF POST auf https://www.youtube.com/watch?time_continue=22&v=jk8YmtEJvDc&feature=emb_title

Laut Salam können auch die Unterdrückung von Gefühlen und das Verbergen von Verzweiflung Ausdruck toxischer Männlichkeit sein (Vgl. Salam 2019). Sie fasst folgenden Schluss: ‘In other words: Toxic masculinity is what can come of teaching boys that they can’t express emotion openly; that they have to be “tough all the time”; that anything other than that makes them “feminine” or weak’ (Salam 2019). Ergo ist laut Salam toxische Männlichkeit das Ergebnis der Erziehung von Männern basierend auf fälschlichen Annahmen bezüglich Männlichkeit.

Die Annahme, dass Männer nicht Opfer sexueller Gewalt sein könnten, ist ein Trugschluss, der aufgrund toxischer Männlichkeit entsteht (vgl. Müller 2018). Männer gelten als das “starke Geschlecht”, weshalb man es als unwahrscheinlich ansieht, dass ein Mann sexuell missbraucht oder Opfer von häuslicher Gewalt wird.

Ein Gegenbeispiel dazu, das verdeutlicht, wie sich die gesellschaftliche Einstellung zu diesem Thema auswirken kann, wäre der Konflikt zwischen Johnny Depp und seiner Ex-Frau. Amber Heard stellte sich als Opfer seiner Gewalt dar, hatte ihn aber misshandelt und beschuldigte ihn erwiesenermaßen, sie angegriffen zu haben. Dafür gibt es auch Beweise, wie man unter folgendem Link sieht:

https://www.dailymail.co.uk/news/article-7947733/Amber-Heard-admits-hitting-ex-husband-Johnny-Depp-pelting-pots-pans-tape.html

Weil Ideen von Männlichkeit verinnerlicht und anerzogen werden, wurde zunächst Amber Heard geglaubt und im Allgemeinen würde man eher einer Frau glauben, Opfer von Vergewaltigung oder häuslicher Gewalt zu sein, als einem Mann. Das verdeutlicht, wie stark die Ideen von Männlichkeit in uns verankert sind.

Wie man an den genannten Beispielen sieht, kann toxische Männlichkeit jeden betreffen. Sie betrifft sowohl die Männer, die auf ihr basierend das Gefühl haben, ihre Männlichkeit beweisen zu müssen, als auch die Opfer von deren Verhalten. Daher betrifft das Thema jeden und wir alle sollten uns dessen bewusst sein.

Wie werden diese Themen in Lemon Party verarbeitet?

Ich gehe bei der Analyse wie folgt vor: zuerst nenne ich die Lyrics. Darauf folgt meine Analyse des jeweiligen Abschnittes. Die folgende Analyse behandelt lediglich die oben angesprochenen Themen. Wegen diesem Fokus konnte ich nicht alle möglichen Themen der Liedtexte behandeln.

Neben der neuen Version des Songs gibt es auch eine Demo-Version, welche ich ebenfalls besprechen werde, da sich die Texte und der Sound stark unterscheiden. Die neue Version behandelt insbesondere toxische Männlichkeit, während die ältere Version zusätzlich Heteronormativität verarbeitet. Viel Spaß!

This is for educational purposes only and I do not claim any rights. All rights belong to the respective artists and labels

Toxische Männlichkeit in Lemon Party

Denounce these old exalted limbs once you’ve gained

Krishna status or something better than-we know we’re better than

To every judge I’ve ever had, allow me to lay your verdicts to rest

While I’m swooning them

The jury knows that I’m a man, and I’m a great one

There ain’t no way you’re stopping him

There ain’t no way you’re stopping me

Die oben genannte erste Strophe führt eines der Leitmotive des Textes ein: Erlangen von Männlichkeit durch Promiskuität.

Krishna ist ein indischer Liebesgott. Im Kontext des Textes wird Krishna-Status als promisker Lebensstil dargestellt, bei dem man mit möglichst vielen Frauen schläft, um seinen Status als Mann zu beweisen. Dies wird später deutlicher. Der Sänger nutzt dieses Konzept, um zu kritisieren, wie toxische Männer Promiskität nutzen können, um ihre Männlichkeit auszudrücken. Die Kritik äußert sich darin, dass es heißt: “or something better than-we know we’re better than”. Männer, die einen solchen toxischen Standard verfolgen, sollten wissen, dass das eigentlich unter ihrer Würde ist. Dennoch streben sie diesen Standard an und entwürdigen sich dadurch selbst beim Versuch, ein “Alpha-Tier” zu werden und “Krishna-Status” zu erlangen.

Die darauf folgenden Zeilen können ebenfalls als Ausdruck übertriebener Männlichkeit interpretiert werden. Der Erzähler behauptet, die Jury (mit seinem Sex-appeal etc.) in Ohnmacht zu versetzen, was die starke Überzeugung toxischer Männer von sich selbst widerspiegeln könnte.

Auch bemerkt der Erzähler, dass es keinen Weg gebe, ihn und einen weiteren männlichen Charakter in der Geschichte des Liedes zu stoppen: “There ain’t no way you’re stopping him, there ain’t no way you’re stopping me”. Dies ähnelt stark den toxischen Standards, denen Männer ausgesetzt sein können. Sie “müssen” stark sein und dürfen sich nicht als “schwach” darstellen, weshalb sie ihre eigene Stärke vermehrt betonen und beweisen. Die wiederholte Betonung der oben genannten Zeile und die Bemerkung “The jury knows that he’s a man and he’s a great one” verdeutlichen dies. Der Erzähler betont zwei mal, dass es keinen Weg gebe, ihn und den anderen Mann zu stoppen. Man könnte dies mit einem inneren Monolog vergleichen, in dem sich ein toxischer Mann von seiner eigenen Unaufhaltbarkeit überzeugen und sich dadurch profilieren muss. Das spiegelt wider, wie toxische Männer sich selbst von ihrer Männlichkeit überzeugen müssen und ihr Verhalten nutzen, um dies zu erreichen.

Diese Strophe wird von einem Erzähler aus der Perspektive der dritten Person präsentiert. Der Erzähler ist ein Charakter in der Geschichte des Liedes und bringt sich selbst ein. “There ain’t no way you’re stopping him, there ain’t no way you’re stopping me“. Mit “me” bringt er sich selbst in die Geschichte ein. Über den zweiten Charakter (him) erfahren wir in der zweiten Strophe mehr.

I’ll tell my proudest secrets

Don’t mind if you can’t keep them

Well, lately it’s been mayday

So tell me, why is this your favorite sin?

Lately it’s been mayday

So tell me why you wanna fake it?

Im Chorus wechselt der Erzähler komplett zur ersten Person. Dabei wirft er die Frage auf, warum jemand “diese Sünde” fälschen sollte. Diese Sünde ist ein religiöser Bezug, eventuell zu Wollust, einer der sieben Todsünden. Das führt das religiöse Motiv weiter, das zu Beginn des Liedes eingeführt wurde. Indem der Erzähler das Verfolgen toxischer Standards als Sünde darstellt, gibt er dem “Krishna-Status” eine negative Konnotation und kritisiert dadurch das Streben nach diesem Status.

Zudem fragt das lyrische Ich, warum man diese Sünde fälschen sollte (“So tell me why wou wanna fake it?”). Dies könnte eine Anspielung darauf sein, wie Männer andere von ihrer Männlichkeit und Expertise überzeugen wollen, indem sie behaupten, viele sexuelle Erfahrungen zu haben, um ihre Männlichkeit hervorzuheben. Indem der Erzähler fragt, warum, man “es” fälschen sollte, stellt er in Frage, warum Männer den Status als Playboy anstreben. Durch den angesprochenen Wechsel zur ersten Person wird die Kritik an den genannten toxischen Standards direkter. Zudem werden die Hörer direkt mit “you”angesprochen. Dadurch wird man quasi herausgefordert, sich diese Frage zu stellen und die genannten toxischen Werte in Frage zu stellen.

Darüber hinaus impliziert der Chorus stark, dass toxische Ideen von Männlichkeit schädlich sind. “lately it’s been mayday” (wegen toxischen Ideen von Männlichkeit verschlechtert sich die Lage).

They say that once you’ve gained

This status it only gets even better

And he will prove that he’s a man

With wooden bed posts whittled away

With the notches, they were carved in a little too deep

And now he’s paying for it

He’s sleeping on the floor tonight

Insbesondere in dieser Strophe sieht man, wie die Band die Standards toxischer Männlichkeit dekonstruiert. Vertreter toxischer Männlichkeit nutzen Promiskuität als Statussymbol und versuchen, sich darüber auf eine höhere Ebene als Männer mit weniger Erfahrung zu stellen, daher “once you’ve gained this status it only gets even better”. – Sobald ihr den Status (als “Playboy”) erreicht habt, wird es noch besser. Getreu dieses Gedankenganges schläft der Charakter mit möglichst vielen Frauen und hinterlässt für jede von ihnen eine Kerbe in seinem Bettpfosten, um seinen Status als Playboy und Mann festzuhalten. Allerdings bricht dadurch sein Bett zusammen und er muss auf dem Boden schlafen. Das könnte repräsentieren, dass diese Idee von Männlichkeit schädlich ist und man sich selbst degradiert, wenn man diesem Ideal folgt. Der Mann im Lied degradiert sich durch sein eigenes toxisches Verhalten und muss in Folge dessen auf dem Boden schlafen.

I go from the back

So that way they cannot see

That this is me

Now I know shame

Look at my back

The marks make it clear to see

Innocent me can no longer claim a saint

I’m now digging my fingers

Into the back of a whore

But here’s the thing

In the good book it said that

God made man, and I’m a man. So tell me…who’s wrong?

Diese Strophe führt die bereits eingeführten Motive weiter. Die Perspektive wechselt erneut zur ersten Person und der Sicht des Erzählers.

Um sich selbst zu beweisen, dass er ein Mann ist, bezahlt der Erzähler eine Frau für Sex. Da er das Ganze mit Scham “shame” bezeichnet und versucht, es zu verbergen (“go from the back so that way they cannot see”), wird klar, dass die Situation ihm unangenehm ist. Da er nun “Scham kennt” und weiß, dass ihn toxische Standards in diese unangenehme Situation gebracht haben, stellt er diese Standards in Frage:

“I’m now digging my fingers into the back of a whore but here’s the thing, in the good book it said that god made man, and I’m a man. so tell me…who’s wrong?”

Laut Religion und der Bibel hat Gott die Menschen geschaffen (god made man). Laut toxischen Männern machen Frauen Jungen zu Männern, indem sie mit ihnen schlafen. Diese beiden Aussagen schließen einander gegenseitig aus. Das impliziert, dass zumindest eine, wenn nicht beide Aussagen, falsch sind. Somit stellt der Erzähler sowohl die Legitimität toxischer Männlichkeit, als auch die von Religion in Frage, indem er ihre Ansprüche darauf, wer Männer “schafft” kontrastiert.

Heteronormativität in Lemon Party

Wie bereits angesprochen, werde ich auch die alte Version des Liedes ansprechen. Allerdings werde ich nur einige Ausschnitte aus dem Text behandeln, die für die Erarbeitung des Themas relevant sind.

Über den link unten könnt ihr diese Version hören. Die Band hat diese Version und weitere Demos gerade erst auf Bandcamp hochgeladen. Wenn ihr Post-Hardcore mögt, kann ich euch die gesamten Demos ans Herz legen.

https://letliveperiod.bandcamp.com/track/01-poison-final-master-lemon-party

Die folgenden Zeilen zeigen, wie Menschen mit wenig oder ohne sexuelle Erfahrungen von oben herab und kindlich behandelt werden können.

They said “you can speak to me once you’ve gained

this status on your bedpost or better

until then you’ll watch our sin”

Unsere heteronormative Gesellschaft erzieht und sozialisiert uns basierend auf der Annahme, dass sexuelle Beziehungen, insbesondere zwischen verschiedenen Geschlechtern, universell erstrebenswert sind. Wenn man diesem Anspruch nicht genügt, wird man als kindisch oder abnormal wahrgenommen. “You can speek to me once you’ve gained this status” verdeutlicht diesen Anspruch. Laut dieser Logik werden sexuelle Erfahrungen zu einem Statussymbol. Dass sexuelle Beziehungen erstrebenswert und natürlich sind, wird als allgemeingültige Wahrheit dargestellt, was keinen Raum für Menschen lässt, die nicht daran interessiert sind, wie zum Beispiel Asexuelle.

Zudem zeigt dieser Teil des Textes, wie Heteronormativität und toxische Männlichkeit Hand in Hand gehen können. Toxische Männlichkeit kann eine Manifestation von Heteronormativität sein, da diese die Basis für toxische Männlichkeit bietet. Beide können sich negativ auf Menschen auswirken, die nicht nach heteronormativen oder toxischen männlichen Standards leben, da sie diesen das Gefühl geben können, abnormal zu sein.

An einem der Höhepunkte des Liedes schreit der Sänger die folgenden Zeilen und verdeutlicht dadurch die negativen Implikationen von Heteronormativität.

There’s one way to feel

and it’s the only way, only way

there’s one way to feel

it’s the only way, righteous way

Der im Sinne von Heteronormativität “einzige Weg zu fühlen” ist heterosexuell zu sein und dem verschiedengeschlechtliche Beziehungen anzustreben. Wenn man nicht heterosexuell ist, erfüllt man diesen Anspruch grundsätzlich nicht. Dementsprechend impliziert Heteronormativität, dass die Gefühle von Nicht-Heterosexuellen “nicht richtig” sind. Basierend auf der Annahme, dass es nur zwei Geschlechter gibt und allein verschiedengeschlechtliche Beziehungen erstrebenswert sind, ist alles, das diesem Standard nicht entspricht “abnormal”.

All dies sind die Implikationen von Heteronormativität. Dem entsprechend können dadurch Menschen, die nicht heterosexuell sind oder sich nicht der binären Geschlechterunterteilung entsprechen, durch diese Weltansicht das Gefühl bekommen, abnormal zu sein, da wir permanent mit heteronormativen Standards konfrontiert werden, die Heterosexualität und die binäre Geschlechtereinteilung normalisieren. Die Performance der genannten Zeilen in Form von Schreien spiegelt die Frustration, die basierend auf diesem veralteten Weltbild entstehen kann, wider und verdeutlicht, dass es eben nicht nur einen Weg gibt, zu fühlen.

Zum Schluss möchte ich die letzten Zeilen des Songs ansprechen. Darin spielt der Sänger die Rolle eines Sexisten und verdeutlicht damit erneut, wie sich toxisches Verhalten auf andere auswirken kann.

woohoo!

alright boys get’r done

here we go

alright

ay yo watch this, watch this!

who’s gonna join me tonight?

who wants to suck a dick?

… suck a fucking dick

Das ist ein extremes Beispiel von toxischer Männlichkeit, in dem eine Frau als Objekt behandelt wird. “alright boys get’r done […] ay yo watch this!…” Die Frau wird lediglich als Sexobjekt behandelt und Sex wird trivialisiert und jeglicher Bedeutung beraubt, da ganz beiläufig gefragt wird, wer “einen Schwanz lutschen will”: “who’s gonna join me tonight? Who wants to suck a dick?” Dies spiegelt das plumpe Verhalten toxischer Männer wider, die sich auf ähnliche Art und Weise verhalten.

Wenn man sexistisch, homophob oder ähnliches ist, degradiert man sich selbst, da man sich einfach nur respektlos verhält. Die obrigen Zeilen verdeutlichen dies, da sie lediglich solches toxisches Verhalten imitieren und dennoch die gleiche Wirkung hervorrufen können, wie besagtes Verhalten. Man stellt sich vor, was man in einer solchen Situation tun würde und merkt, dass man solches Verhalten in der Realität einfach nur als unangenehm und unangemessen empfinden würde.

Daher könnte die Frage “Who wants to suck a dick?” als ein “Fuck you” gegenüber allen Menschen, die sich ernsthaft auf die oben beschriebene Art und Weise verhalten, verstanden werden, da sie diese mit der Plumpheit ihres eigenen Verhaltens konfrontiert.

Wir sind besser als das oben genannte Verhalten. Foto von StockSnap auf Pixabay

Warum habe ich diesen Song gewählt?

Sowohl in der alten als auch in der neuen Version von Lemon Party dekonstruieren letlive. Heteronormativität und toxische Männlichkeit. Ich habe diesen Song gewählt, da er für mich eine tiefere Bedeutung hat. Dieses Lied war das erste Lied, das mich dazu brachte, mich mit Sexismus, Homophobie und ähnlichen Themen zu beschäftigen.

Die Demo-Version half mir dabei, herauszufinden, dass ich asexuell bin, weil mich immer der Ausschnitt “There’s one way to feel…” berührte und ich nie wirklich wusste, warum. Als ich später bescheid wusste, machte alles Sinn. Diese Zeile berührte mich wegen der Frustration, die ich wegen Homophobie und Heteronormativität allgemein fühlte. Wir werden konstant mit Heteronormativität konfrontiert und uns wird anerzogen, Beziehungen zwischen Mann und Frau als einzig normale Beziehungen anzusehen und dass dies, die “einzige Art zu fühlen” sei. Allerdings trifft diese Annahme nicht auf jeden zu. Diese etablierten Kategorien sind veraltet und unzureichend, um das Spektrum menschlicher Gefühle und Identitäten zu beschreiben.

Was sollte ich hiervon mitnehmen?

Es ist okay, nicht hetero zu sein. Egal, wie ihr euch identifiziert, ihr seid ihr selbst und niemand hat euch da reinzureden. Das heißt nicht, dass man krank oder abnormal ist und das einzig Kranke ist, dass die Gesellschaft einem das Gefühl gibt, defekt oder unnormal zu sein, weil man bestimmte Menschen liebt oder nicht liebt oder sich auf eine bestimmte Art und Weise identifiziert.

An die anderen Männer: Ein Mann zu sein heißt nicht, immer stark und emotionslos zu sein. Wenn wir an solchen Ideen von Männlichkeit festhalten, definieren wir “Mannsein” viel zu eng. Ich bezweifle, dass ihr euch von anderen definieren lassen wollt, also seid einfach ihr selbst ohne zu beachten was als “männlich” gilt. Lasst euch nicht von anderen vorschreiben, wer ihr zu sein habt, nur weil ihr Männer seid, insbesondere wenn deren Verständnis von Männlichkeit toxisch ist. Seid einfach nette, nicht-toxische Männer. Davon profitiert ihr selbst und euer Umfeld.

Versucht bitte, nicht an veralteten Ideen von Geschlechterrollen und Gender festzuhalten und seid offen. Nicht jede Person ist gleich und das ist auch gut so, weil das Leben sonst langweilig wäre. Seid einfach tolerant und nicht sexistisch, homophob oder anderweitig menschenverachtend. Stattdessen, behandelt Menschen mit Respekt. Man sollte nicht verstecken müssen, wer man ist und wenn wir uns weiter von diesen veralteten Ansichten distanzieren und lösen können, werden wir alle davon proftieren, unabhängig von unseren sexuellen Orientierungen oder unseren Identitäten.

Wie immer vielen Dank fürs Lesen. Schreibt gerne andere Lieder zu dem Thema in die Kommentare oder schreibt mir einfach, wie ihr das Lied fandet.

-sovlpvnk

Quellen:

Butler, Tijen (2019): “Heteronormativity: definition, societal examples and why it’s harmful to LGBT+ community”.In: Pinknews.com, 11.04.2019. URL: https://www.pinknews.co.uk/2019/04/11/heteronormativity-definition-societal-examples-and-why-its-harmful-to-lgbt-community/, [07.04.2020].

letlive.. “Lemon Party.” Fake History, Tragic Hero Records, 2010.

letlive.. “01 Poison (Final Master) // Lemon Party.” 10 Years Of Fake History, 333 Wreckords Crew, 2020.

Müller, Frederik (2018): “Hä, was heißt Toxic Masculinity? Unser Glossar gegen die Panik vor Wörtern. Diesmal: Toxic Masculinity”. In: missy-magazine.de, 16.08.2018. URL: https://missy-magazine.de/blog/2018/08/16/hae-was-heisst-toxic-masculinity/, [14.04.2020].

Nelson, Kris (2015): “What Is Heteronormativity – And How Does It Apply to Your Feminism? Here Are 4 Examples”. In: everydayfeminism.com, 24.07.2015. URL: https://everydayfeminism.com/2015/07/what-is-heteronormativity/, [08.04.2020].

Salam, Maya (20 “What Is Toxic Masculinity?” In: The New York Times, 22.01.2019. URL: https://www.nytimes.com/2019/01/22/us/toxic-masculinity.html . [08.04.2020].

Samakow, Jessica, und Oliver Noble (2015): “48 Things Men Hear In A Lifetime (That Are Bad For Everyone).” In: YouTube, hochgeladen von HuffPost, 22.12.2015, URL: https://www.youtube.com/watch?v=jk8YmtEJvDc, [19.04.2020].

Cambridge Dictionary: “toxic masculinity.” Cambridge Dictionary, URL: https://dictionary.cambridge.org/de/worterbuch/englisch/toxic-masculinity. [14.04.2020].

Nächstes Mal bei sovlpvnk: Scene-Sciences #1: Victimhood Culture in der Hardcore-Szene – “Linksgrünversiffte Gutmenschen”?!

https://sovlpvnk.com/2020/05/04/scene-sciences-1-victimhood-culture-in-der-hardcore-szene-linksgrunversiffte-gutmenschen/

Published by sovlpvnk

This is my personal blog about culture and sustainability. It is mainly concerned with topics that I'm interested in, mostly the alternative music scene and its ethics as well as LGBTQIA+ -related topics and veganism. I post my content in English and German.

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