Ace-Rep #1: Asexualität in “Bojack Horseman”

Bojack Horseman ist ein Cartoon für Erwachsene, der von 2014 bis 2020 auf Netflix ausgestrahlt wurde. Die Serie spielt in einer Welt mit humanoiden Tieren und nutzt dieses Szenario, um verschiedenste Themen auf lustige, tragische, teils groteske Art und Weise anzusprechen.

Dabei handelt es sich definitiv nicht nur um einen weiteren Cartoon wie “The Simpsons” oder “Family Guy”. Im Gegenteil, die Tiefe dieser Serie lässt sich nicht mit den genannten Werken vergleichen, da die Charaktere, das Story Telling und die Leitmotive der Serie eine viel größere Tiefe haben als vergleichbare Cartoons und sich die Charaktere im Lauf der Serie weiterentwickeln. Statt jede Folge eine unabhängige Geschichte zu erzählen, erzählt Bojack Horseman über den Lauf ihrer sechs Staffeln hinweg eine zusammenhängende Geschichte. Unter anderem aus diesem Grund kann man zu den Charakteren viel eher einen Bezug entwickeln als zu vergleichbaren Charakteren und das obwohl der Protagonist dieser Serie ein Pferd ist.

Unter anderem wird darin Asexualität thematisiert. Darauf möchte ich im heutigen Post eingehen. “Bojack Horseman” ist eine großartige Show, die ich jedem ans Herz legen kann. Daher gibt es an dieser Stelle eine eindeutige SPOILERWARNUNG. Allerdings kann man selbst, wenn man diesen Artikel gelesen hat, auf jeden Fall die Geschichte genießen.

Heute werde ich hauptsächlich über einen der Hauptcharaktere, Todd Chavez, sprechen. Daher geht es in diesem Post hauptsächlich um seinen Story-Strang und seine Asexualität. Ich schaute die Serie an sich nur deswegen und wusste daher schon ein paar Dinge. Dennoch zog sie mich in ihren Bann und ich konnte sie echt genießen, also kann ich sie jedem ans Herz legen.

Wer ist Todd Chavez?

Todd ist ein chaotischer, etwas naiver und teils verrückter obdachloser Mann in seinen Zwanzigern. Er lebt zusammen mit Bojack Horseman, dem Protagonisten der Serie, weil seine Mutter ihn aus ihrem Haus herausgeworfen hat. Todd lebt bei Bojack, weil dieser ihm auf einer Party im nicht ganz nüchternen Zustand sagte, er solle so lange dort bleiben, wie er möchte. Das war fünf Jahre vor Beginn der Handlung.

Die Beziehung der beiden ist toxisch. Bojack nutzt Todd, wann immer er jemanden zum Reden braucht und tendiert dazu, ihn im Stich zu lassen, wenn er Hilfe braucht. Ansonsten sorgt er dafür, dass Todd sich nicht willkommen fühlt und versucht, ihn loszuwerden. Insgeheim möchte Bojack aber nicht, dass Todd das Haus verlässt, da er sonst alleine wäre.

Funeral Todd Chavez GIF by BoJack Horseman
Dieses Gif fasst die Beziehung der beiden zu Beginn der Serie treffend zusammen. Todd hilft Bojack und Bojack sagt ihm nur, er soll ruhig sein.

Während sich die Geschichte von Bojack hauptsächlich um dessen dramatische Vergangenheit dreht, dient Todd größtenteils als Comedic Relief. Dadurch ist er nur schwer ernstzunehmen. Beide müssen ihr Leben neu ordnen und Todd muss insbesondere zu Beginn der Serie ernsthaft sein Leben regeln. Er ist praktisch obdachlos und auf einen Freund angewiesen und hat weder einen Job, noch eine gute Bildung und Perspektive. Einer der Running Gags der Serie sind die abstrusen Geschäftsideen, die Todd verfolgt, die meist von vornherein zum Scheitern verdammt sind, weil er schlichtweg naiv und dumm ist. Wie Todds Charakter und seine Asexualität zusammenhängen, ist eines der Themen, die ich in diesem Post erarbeiten möchte.

Wie wird Asexualität in “Bojack Horseman” dargestellt?

Die Serie bietet einen kleinen Einblick in das Thema. Wenn ihr noch nicht meinen letzten Post gelesen habt, in dem ich Asexualität und Aromantik im Detail erkläre, lest ihn gerne, bevor ihr weiterlest, um einen tieferen Einblick in das Thema zu erhalten: https://sovlpvnk.com/2020/05/17/ace-rep-0-ein-asexuelles-abc-was-ist-asexualitat/

Das dürfte euch helfen, die Themen über die ich heute sprechen werde, zu verstehen. Hier dennoch eine kurze Definition von Asexualität. Eine asexuelle Person empfindet keine sexuelle Anziehung. Davon abgesehen gibt es auch Aromantik, das romantische Äquivalent dazu. Wer aromantisch ist, empfindet keine romantische Anziehung und verliebt sich nicht oder hat eine von der Gesellschaft abweichende Vorstellung von Romantik. Wie werden diese Themen also in “Bojack Horseman” verarbeitet?

Im Laufe der Serie wird das Thema anhand mehrerer Schritte und Themenblöcke erarbeitet. Todd durchläuft im Verlauf der Serie ähnliche Phasen, die man als asexuelle Person auch in der Realität durchlaufen kann. Diese habe ich hier als Überschriften meiner Unterkapitel zusammengefasst.

Zu Beginn wissen weder Todd, noch wir als Zuschauer von seiner Asexualität. Allerdings wird bereits in einigen früheren Episoden angedeutet, dass er asexuell ist. Dies sieht man anhand der folgenden Szenen.

Stufe 1: Asexuell Aufwachsen

Die Szene startet ab 53 Sekunden.

Diese Szene spielt in einem Rückblick zum Jahr 2007, daher auch die Emo-Frisur. Todd und eine gute Freundin, Emily, sind für ein Spiel in einem Kleiderschrank eingesperrt, um sich dort zu küssen. Emily ist offensichtlich verliebt in Todd und möchte ihn küssen, während er nervös scheint. Als Emily annimmt, dass er lieber mit jemand anderem dort eingeschlossen wäre, gibt Todd zu, dass er keine Erfahrungen im Küssen hat und daher nervös ist.

Aber wie betrifft das Asexualität? Zu diesem Zeitpunkt ist noch nicht klar, dass Todd asexuell (ace) ist, aber insbesondere in der Retrospektive, wenn man dies erfahren hat, macht diese Szene Sinn. Trotz anfänglicher Nervosität, die wahrscheinlich seiner Ungewissheit über die eigene Sexualität geschuldet ist, küsst Todd Emily. Somit zeigt diese Szene, dass Asexuelle Gefühle haben und romantische Anziehung empfinden können, wie auch “normale” Menschen. Kleinigkeiten wie Küssen können herausfordernd sein, wenn man seine Sexualität noch nicht herausgefunden hat und diese Szene verdeutlicht dies anhand Todds Nervosität.

In der folgenden Szene, die ein paar Monate später spielt, wird dieser Aspekt weiter hervorgehoben.

Emily und Todd sind jetzt ein Paar und machen auf dem Bett von Emilys Eltern rum. Erneut zeigt sich, dass Aces normale Menschen mit Gefühlen sind, die sich verlieben können. Dadurch werden Stereotype über Asexuelle dekonstruiert, beispielsweise, dass diese emotionslose Roboter seien.

Als Emily Todd fragt, ob sie miteinander schlafen sollen, scheint er reserviert und es ist offensichtlich, dass ihm die Idee nicht zusagt. Emily möchte ihn nicht unter Druck setzen, woraufhin Todd sagt, dass er Bereit für Sex sei. Dabei wird seine Nervosität immer offensichtlicher und es wird klar, dass ihm die Situation unangenehm ist. Je näher sie dem Beischlaf kommen, umso unangenehmer wird die Sitation, doch zu Todds Glück tauchen Emilys Eltern auf und er muss gehen.

Asexualität ist wenig bekannt. Das macht es schwerer, herauszufinden, dass man asexuell ist. Dementsprechend könnte man herausfinden, dass man den Gedanken von Sex nicht angenehm findet, wüsste dann aber nicht automatisch, dass man asexuell ist. Stattdessen kann es passieren, dass man sich fragt, was falsch mit einem ist und an sich harmlose Situationen, wie in den obrigen Szenen somit extrem unangenehm werden, wenn man asexuell ist und dies noch nicht herausgefunden und verarbeitet hat.

Da Todd noch nicht an diesem Punkt ist, machen ihn die Situationen nervös. Er weiß nicht, “was” er ist und dadurch sind ihm die Situationen unangenehm. Todd ist wahrscheinlich noch nicht sicher, ob er Sex haben möchte oder nicht und ob er überhaupt die Vorstellung mag, weshalb diese Situation für ihn eine große Belastung darstellt. Wie bereits angesprochen, können solche Situationen für Asexuelle schwer sein, wenn sie ihre Sexualität noch nicht herausgefunden oder verarbeitet haben und Todd ist noch nicht an dem Punkt angekommen, an dem ihm seine sexuelle Orientierung klar ist.

Diese Szene deutet außerdem an, dass Todd sex-averse oder –repressed ist, sprich die Idee von Sex tendenziell eher negativ bis unangenehm findet, da ihn der Gedanke, Sex zu haben offensichtlich nervös macht. An diesem Punkt der Handlung weiß Todd noch nicht von seiner sexuellen Identität, doch diese und die vorherige Szene deuten klar seine Asexualität an.

Diese Szenen zeigen Probleme, die damit verbunden sein können, asexuell aufzuwachsen. Man wird asexuell geboren und weiß nichts davon. Dies herauszufinden und die eigenen Gefühle zu verarbeiten, kann ein komplizierter Prozess sein. Wie die Zuschauerschaft weiß Todd anfangs nicht, dass er ace ist und wir erfahren dies an einem späteren Punkt der Handlung mit ihm. Von dort an lernen wir mit Todd zusammen mehr über diese sexuelle Orientierung. Dadurch wird der Zuschauerschaft zu einem gewissen Grad der Prozess der Selbsteflexion, der mit Asexualität verbunden sein kann, vermittelt. Wir Zuschauer begleiten quasi Todd auf diesem Prozess.

Später, im aktuellen Zeitstrang der Serie, treffen sich Todd und Emily wieder. Emily und Bojack haben Sex und verheimlichen dies vor Todd bis dieser es herausfindet. Unter anderem deshalb streiten sich er und sein ehemals bester Freund Bojack. Todd und Emily freunden sich jedoch wieder an. In der nächsten Szene wird Todd das erste Mal mit seiner potentiellen Asexualität konfrontiert. Dabei werden sehr treffend die Gefühle und die Selbstwahrnehmung, die man aufgrund seiner eigenen Asexualität entwickeln kann, dargestellt.

Stufe 2: Das Coming Out vor sich selbst

Emily fragt Todd nach seiner Sexualität, was ihn etwas überwältig. Offensichtlich fällt es Todd schwer, dies für sich selbst herauszufinden, was die folgenden Zeilen verdeutlichen: ‘I’m not gay, at least I don’t think I am but I don’t think I’m straight either. I don’t know what I am, I think I might be nothing’. Auf Deutsch ungefähr: “Ich bin nicht schwul, zumindest glaube ich das nicht, aber ich bin auch nicht hetero. Ich weiß nicht, was ich bin. Ich glaube, ich bin nichts”.

Das zeigt den Gedankengang, den Aces durchlaufen können. Anfangs fragt man sich vielleicht, ob man homosexuell ist, weil man merkt, dass andere Jungen auf Mädchen stehen oder anders herum und dies von der Gesellschaft als normal dargestellt wird. Wenn man also merkt, dass man kein Interesse am anderen Geschlecht hat, “muss” man laut diesem Ausschlussverfahren also homosexuell sein. Allerdings kann folgendes Problem entstehen, wenn man wiederum merkt, dass man auch nicht homo- oder bisexuell ist: Man fühlt sich eventuell kaputt oder als nichts, weil man keine Anziehung fühlt. Das erste Mal, als ich diese Szene sah, berührte sie mich sehr stark, weil sie perfekt den Gedankengang darstellt, den ich selbst durchlaufen hatte, bevor ich mein Coming Out vor mir selbst hatte.

Emily merkt, dass sie einen Nerv getroffen hat und das Thema Todd stark berührt, also bestärkt sie ihn und sagt ihm, dass es in Ordnung ist, sich so zu fühlen. Ihre Reaktion ist das beste Szenario, das man sich für ein Coming Out vorstellen kann. Emily ist eine gute Freundin und akzeptiert Todd, wie er ist. Indem sie seine Erfahrungen anerkennt, nimmt sie die Last aus dieser Situation und zeigt Todd, dass sein Geständnis nichts ändert und er dadurch nicht weniger menschlich ist. Dennoch findet Todd hier noch nicht heraus, dass er asexuell ist.

Aufgrund dieser Situation denkt Todd über den Verlauf mehrerer Episoden hinweg aktiver über seine Sexualität nach und fängt an, Labels in Frage zu stellen. Dabei fällt es ihm immer noch schwer, sich als asexuell zu bezeichnen. Zu einem späteren Zeitpunkt outet er sich jedoch vor seinem ehemals besten Freund Bojack.

Stufe 3: Das erste offizielle Coming Out

Bojack bezieht sich darauf, dass er mit Emily geschlafen hat und geht davon aus, dass sie die einzige Frau war, die Todd je geliebt habe. Darauf antwortet Todd wie folgt: ‘I don’t know that I loved her. I don’t think I’m allowed to fall in love’.- “Ich bin nicht sicher, ob ich sie geliebt habe. Ich glaube, ich habe nicht das Recht, mich zu verlieben”.

Diese Aussagen verdeutlichen erneut die Probleme, die damit verbunden sein können, herauszufinden, dass man asexuell ist. Oftmals werden Liebe und Sexualität gleichgesetzt aber, wie bereits im letzten Artikel angedeutet, sind das zwei verschiedene Dinge. Die Gleichsetzung der beiden wird von der Gesellschaft normalisiert, weshalb Asexuelle oder Aromantiker sich selbst als kaputt wahrnehmen und das Gefühl entwickeln können, keine Liebe zu verdienen, da scheinbar jeder außer ihnen Anziehung empfindet, wie es auch hier Todd annimmt. Daher zeigt dieses Beispiel die negativen Auswirkungen, die Heteronormativität auf Asexuelle haben kann, nämlich in Form von Unsicherheit und einer negativen Selbstwahrnehmung als kaputt oder ähnliches.

Daraufhin erzählt Bojack Todd, dass er ihn schätzt und zum ersten Mal nutzt Todd die Bezeichnung asexuell für sich selbst. Dadurch fühlt er sich offensichtlich erleichtert, da er nun sein erstes Coming Out hinter sich hat. Das verdeutlicht, wie befreiend insbesondere das erste Coming Out sein kann.

Bojack macht später einen Witz über Asexualität, woraufhin Todd bemerkt, dass er noch nicht bereit ist, darüber Witze zu machen. Das verdeutlicht, dass es ein langwieriger Prozess sein kann, seine Identität wertzuschätzen und jeder für sich selbst entscheiden muss, wann der richtige Zeitpunkt ist, um offen darüber zu sprechen und Witze zu machen. Jede Person hat das Recht, die eigene Identität zu definieren und zu entscheiden, wie sie damit umgeht. Dies kann ein langwieriger Prozess sein.

Neben Todds Asexualität repräsentiert die Serie Asexualität auch im größeren Rahmen, indem sie Todd auf einem Treffen für Asexuelle zeigt, wo er von Aromantik erfährt.

Stufe 4: Das Asexuelle Spektrum und romantische Beziehungen

Wie zu Beginn bemerkt, gibt es einen Unterschied zwischen Asexualität und Aromantik. Beide sind Teil des A-spec, des asexuellen Spektrums, aber sie unterscheiden sich bezüglich der Anziehung, die man empfindet. Asexuelle empfinden keine sexuelle Anziehung, können aber romantische Anziehung empfinden. Aromantiker hingegen, empfinden keine romantische Anziehung, können aber sexuelle Anziehung empfinden. Dies ist eine Unterscheidung, die oftmals genutzt wird, um Asexualität zu erklären und auch die Show nutzt diese Unterscheidung, um der Zuschauerschaft das Thema näher zu bringen. Todd ist asexuell aber nicht aromantisch. Er hatte romantische Beziehungen, zum Beispiel mit Emily, daher verdeutlicht dies erneut, dass Asexuelle normale Menschen mit den gleichen Gefühlen sind, wie andere. Dies gilt auch für Aromantiker beide sind komplett valide.

Einmal versucht Todd, die Verbindung und Unterschiede zwischen Asexualität und Aromantik zusammenzufassen. Allerdings nutzen die Autoren dies für einen Gag, der auf Todds Unterbelichtung aufbaut, wodurch diese Unterscheidung etwas unklar wird:

Was Todd hier zu erklären versucht, ist dass Menschen asexuell ODER aromantisch oder eine Mischung aus beidem sein können, asexuell UND aromantisch. Obwohl daraus ein Witz gemacht wird, ist es schön zu sehen, dass dieses Thema überhaupt angesprochen wird, weil Aromantik oftmals vergessen oder mit Asexualität gleichgesetzt wird.

Todd überlegt, eine Dating App für Asexuelle zu starten und spricht über den Anteil dieser Orientierung an der Gesellschaft, wodurch die Zuschauer weitere Informationen über das Thema erhalten und aufgeklärt werden. Dies dient allerdings auch als Mittel, um die Handlung weiter voranzutreiben, da es andeutet, dass Todd in seiner Beziehung unglücklich ist. Laut ihm könnten romantische Asexuelle wie er sich lediglich mit anderen romantischen Asexuellen zufrieden geben, denen sie begegnen “ohne davon abgesehen eine Gemeinsamkeit zu haben”. Dies trifft auf ihn und seine Freundin, Yolanda zu.

In dieser Szene werden Probleme romantischer Asexueller beim Dating kurz angesprochen. Dabei geht die Sendung allerdings nicht in die Tiefe. So werden zum Beispiel Probleme, die Asexuelle in einer Beziehung mit einer sexuellen Person haben können, außen vor gelassen. Dennoch klärt dieser Ausschnitt die Zuschauer darüber auf, dass Asexuelle unterschiedliche Erfahrungen und Positionen zu Beziehungen haben können.

Stufe 5: Anonyme Asexuelle: Wenn die Familie es noch nicht weiß

Als das Paar die hypersexuelle Familie von Yolanda trifft, nutzen die Autoren der Serie dieses Szenario, um Heteronormativität und die Normalisierung von Sexualität auf lustige Art und Weise anzusprechen.

Abgesehen von der asexuellen Yolanda arbeiten alle ihre Familienmitglieder auf irgendeine Art und Weise in der Sex-Industrie. Ihr Vater schreibt erotische Romane, ihre Mutter ist ein Porno-Star und ihre Schwester schreibt Kolumnen. Dies steht in einem starken Kontrast zu Yolandas Asexualität und macht die Situation umso unangenehmer für sie und Todd, da sie sich offensichtlich noch nicht geoutet hat. Insbesondere eine Aussage ihres Vaters zeigt die Probleme, die damit verbunden sein können, nicht geoutet und ace zu sein: “…she’s finally found a man, woman or object to have sex with”, sprich: “Sie hat endlich einen Mann, eine Frau oder ein Objekt für Sex gefunden”.

Diese Aussage ist vor zwei Hintergründen wichtig. Erstens wollen Eltern das beste für ihre Kinder und können daher oftmals nicht nachvollziehen, wenn diese nicht an (sexuellen) Beziehungen interessiert sind. Daher resultieren ihre Sorgen leider oft im Gegenteil von dem, was sie für ihre Kinder wollen und die Kinder fühlen sich daher schelcht. Zweitens zeigt diese Aussage, dass er verzweifelt hofft, dass Yolanda in irgendeiner Form Sex hat und “normal” ist. Das verdeutlicht, wie Asexualität in einer heteronormativen Gesellschaft als abnormal betrachtet werden kann. Die Idee, dass Yolandas Vater so verzweifelt hofft, dass sie Sex hat, dass er sich wünscht, sie würde zumindest mit einem Objekt schlafen, degradiert und entwürdigt sie und ist eine lächerliche Aussage. Ob seine Tochter Sex hat oder nicht, ist nicht seine Angelegenheit und sein verzweifelter Wunsch, zu wissen, dass sie sexuell ist, impliziert, dass mit asexuellen Menschen etwas nicht stimmt. Das ist pure Heteronormativität und Aphobie. Asexuellen passiert Vergleichbares auch im echten Leben. Heteronormativität ist im gesellschaftlichen Rahmen bereits ernüchternd. Wenn mann jedoch auch in der eigenen Familie konstant damit konfrontiert wird, kann es sein, dass man sich dadurch noch schlechter fühlt, insbesondere wenn man noch nicht geoutet ist.

Wegen der genannten Spannungen eskaliert das Treffen mit der Familie komplett und endet in einem Desaster, aber bereits davor ist die Situation einfach nur lächerlich. Dadurch sprechen die Autoren die Probleme von Asexuellen und Queers allgemein auf eine extreme und unterhaltsame Art und Weise an und implizieren, dass es einen besseren Weg für Familien geben muss, die Sexualität ihrer Kinder zu verarbeiten als auf diese unangenehme und unangemessene Art.

Diese Szene ist recht repräsentativ für das Writing in “Bojack Horseman”, da die Autoren ein gewisses Verständnis von den Themen, die sie behandeln, haben. Dieses nutzen sie, um in der Serie absurde Sitationen zu kreieren, die die Kernprobleme bezüglich dieser Themen widerspiegeln, in diesem Fall Heteronormativät. Allein aus diesem Grund ist die Serie sehenswert.

6. Verpasste Chancen: Todds Charakterentwicklung

Es gibt eine letzte Szene, die ich heute ansprechen möchte. Allerdings konnte ich dazu keine Aufnahmen finden. Daher werde ich versuchen, mich kurz zu fassen. Dabei handelt es sich um einen wichtigen Punkt in Todds Charakterentwicklung.

Zum Beginn der Serie hat Todd weder einen Job noch eine Wohnung. Im Verlauf der Serie wird er jedoch organisierter und übernimmt Verantwortung für sich selbst und sogar andere. Ein weiterer Hauptcharakter der Serie ist Princess Carolyn, die als Agentin arbeitet und insbesondere am Anfang der Serie als gut organisiert dargestellt wird. Sie kümmert sich zu Beginn der Handlung um die Probleme der anderen Hauptcharaktere und ist eine Mutterfigur.

Todd und Princess Carolyn

Die Entwicklungen von ihrem und Todds Charakter sind komplette Gegenteile und entwickeln sich in gegenläufige Richtungen. Während Todd organisierter wird und die Kontrolle über sein Leben gewinnt, verliert Princess Carolyn zunehmend die Kontrolle über ihr Leben. Das resultiert in ihrem Tiefpunk in der Serie und Todd muss ihr eine Motivationsrede geben, wie sie Princess Carolyn noch zum Beginn der Show allen anderen Charakteren gab. Dieser Moment kehrt die Dynamik zwischen beiden komplett um und hatte das Potential, mein absoluter Lieblingsmoment der Serie zu werden, war letztenendes jedoch nicht ganz so ansprechend.

Todd muntert sie auf und gibt ihr eine Motivationsrede, was sein Wachstum als Charakter zeigt. Dadurch wird zudem gezeigt, dass Asexuelle entgegen der Klischees durchaus emotionale Reife haben und die Probleme anderer Menschen nachvollziehen können. An sich ist das eine gute Sache, aber es wäre die perfekte Gelegenheit gewesen, um Todds Entwicklung abzurunden, wenn er sich in diesem Kontext auf seine Asexualität bezogen und Princess Carolyn darauf basierend Ratschläge gegeben hätte. Zum einen hätte die Szene dadurch größere Relevanz, da es das erste Coming Out gegenüber einem weiteren Hauptcharakter gewesen wäre, der Todd nicht so nahe steht wie Bojack oder Emily. Zum anderen hätte es gezeigt, dass Todd, obwohl er sehr verpeilt ist und oftmals lächerliche Ideen hat, zur Selbstreflexion im Stande ist und insbesondere WEGEN seinen Erfahrungen als Asexueller anderen Menschen helfen kann.

Das ist vielleicht kleinlich, aber für mich war diese Szene wenig befriedigend, weil sie sich wie eine verpasste Chance anfühlte. Todds Charakterentwicklung basiert implizit auf seiner Asexualität, da sie ihn zur Selbstreflexion anregt und er sich dadurch über sich selbst klarer wird und weiterentwickelt. Diese Szene wäre die perfekte Gelegenheit gewesen, dies explizit hervorzuheben. Somit hätte sie Asexualität eine noch bessere Repräsentation geben können, da sie so zementiert hätte, dass Asexuelle keine Maschinen, sondern Menschen mit relevanten Gefühlen sind, die auch für andere Menschen einen Unterschied machen können.

Bild von Pixaline auf Pixabay

Was ist gut an dieser Repräsentation?

Insgesamt wird Asexualität gut repräsentiert. In “Bojack Horseman” erhält man einen kleinen Überblick über das Thema. Allerdings kratzt dieser nur an der Oberfläche, was wohl daran liegt, dass Todd nicht der Protagonist ist.

Auch, dass Asexualität und Aromantik verarbeitet wurden, ist positiv hervorzuheben, da das Thema oft auf ersteres reduziert wird. Die Show deutet an, dass Asexualität ein Spektrum ist, das verschiedene Identitäten abdecken kann.

Zuerst weiß Todd nichts von seiner Asexualität. Daher lernt die Zuschauerschaft mit ihm von diesem Thema, wodurch Empathie gefördert und das Thema viel greifbarer kommuniziert wird. Als Todd das erste Mal mit der Möglichkeit konfrontiert wird, dass er asexuell sein könnte, zeigen seine Worte ganz deutlich, welche Gefühle man in dieser Situation entwickeln kann.

Am besten gefällt mir persönlich, wie Probleme von Asexuellen thematisiert werden. Todds Vergangenheit, seine Selbstwahrnehmung vor seinem Coming Out und das Treffen mit Yolandas Eltern zeigen Probleme, die Asexuelle überall durchlaufen. (Hetero-) Sexualität wird normalisiert und wenn man ace ist, durchläuft man daher eine Selbstreflexion in deren Verlauf man das Gefühl entwickeln kann, kaputt zu sein oder keine Liebe zu verdienen.

Insbesondere wie diese negative Selbstwahrnehmung, die sich basierend auf Asexualität entwickeln kann und das Treffen mit Yolandas Eltern und deren Fokus auf Sexualität verarbeitet wurden, gefiel mir gut. Das Verhalten der Familie ist lächerlich und überspitzt und zeigt dennoch auf greifbare Art und Weise, wie sich Asexuelle manchmal in ihrem Umfeld fühlen können.

Was hätte besser sein können?

Die Repräsentation ist recht oberflächlich. Es wird zwar angedeutet, dass es ein Spektrum gibt, wie dieses aussieht, wird allerdings nicht behandelt und als Todd versucht, dies zu erklären, wird es genutzt, um einen Witz aufbauend auf Todds Persönlichkeit zu machen, wodurch diese Unterscheidung recht unklar präsentiert wird. Das führt uns zum größeren Problem.

Das Hauptproblem bezüglich Ace-Repräsentation in dieser Serie könnte Todds Charakter sein. Er ist, ohne negativ sein zu wollen, ein Loser. Todd ist größtenteils auf andere angewiesen und muss bei diesen einziehen. Seine Geschäftsideen sind lächerlich und fallen auf ihn zurück. Das verwürft oftmals seinen gesamten Fortschritt und macht ihn quasi zur Verkörperung des Comedic Relief in dieser Serie, beispielsweise, als er versehentlich acht Million Dollar Trinkgeld zahlt. Wegen solchen Dingen kann es schwer sein, Todd ernst zu nehmen, was zu einem gewissen Grad Klischees zu Asexualität, insbesondere Unreife und Kindlichkeit, anfeuert. Todds Dummheit und Unmündigkeit geben dieser sexuellen Orientierung also potentiell eine schlechte Repräsentation.

Davon abgesehen ist Todd kein normaler oder glaubbarer Charakter, allein wegen seiner Lächerlichkeit. Beispielsweise wird er unabsichtlich Gouverneur von Kalifornien, schließt sich im Gefängnis den “Skin Heads” und “Latin Kings” gleichzeitig an und trägt deren Tattoos auf seinen Armen. Todd sticht sogar in einer Serie mit humanoiden Tieren durch seinen übertriebenen Charakter heraus und fungiert oftmals als Comedic Relief. Er toppt oft die allgemeine Lächerlichkeit der Serie und daher ist es abgesehen von seiner Asexualität schwer, sich mit ihm zu identifizieren .

Da Asexualität in der Serie oft genutzt wird, um die Handlung für Todd voranzutreiben und Komik zu erzeugen, wird es dadurch schwer, das Thema auf eine angemessene Art und Weise zu behandeln. Die Repräsentation in Bojack Horseman ist gut, obwohl sie nicht sehr detailliert ist, aber an manchen Stellen dient sie nur der Handlung und dem Humor der Serie, wie in der Szene mit Yolandas Eltern. Allgemein bin ich dennoch mit der Repräsentation zu Frieden.

Fazit

  • Grundlagen von Asexualität und Aromantik werden ohne großes Detail behandelt
  • Todd ist ein übertriebener Charakter und daher schwer ernst zu nehmen
  • abgesehen von seiner Asexualität ist es schwer, sich mit Todd zu identifizieren, da er stark überspitzt als Comedic Relief dargestellt wird
  • implizit basiert seine Charakterentwicklung auf seiner Asexualität, da er sich dadurch klarer über sich selbst wird, dennoch ist es eine verpasste Chance und dies hätte expliziter sein können

Was ich gerne sehen würde:

  • ein normaler, natürlicher asexueller Charakter mit normalen Gefühlen
  • bessere Verbindung von Asexualität und Charakterentwicklung als bei Todd, beispielsweise mehr Verständnis aufgrund der Asexualität und der damit verbundenen Selbstreflexion
  • aromantische Charaktere, die rein platonische Beziehungen führen und somit aufzeigen, dass diese Beziehungen gleichwertig mit romantischen Beziehungen sind

Das war der erste offizielle Post zu Ace-Rep. Habt ihr schon Bojack Horseman gesehen und wenn ja, wie fandet ihr es? Ich kann die Serie definitiv empfehlen, da sie verschiedenste Themen und Probleme greifbar behandelt.

Wenn ich der Repräsentation des Themas eine Bewertung geben müsste, wäre es eine acht von zehn. Sie ist solide, könnte aber mehr in die Tiefe gehen. Die Serie an sich ist für mich mindestens eine neun von zehn. Ich mochte besonders die Charakterentwicklungen und Motive, wie auch die Themen, die in dieser Serie insgesamt verarbeitet wurden. Ich kann sie erneut herzlich empfehlen. Allerdings kann es schwer sein, die Show zu schauen, da sie sehr düster wird. Wer Probleme mit der Verarbeitung sehr emotionaler und ernster Themen hat , sollte diese Serie also mit Vorsicht genießen.

Wie immer vielen Dank fürs Lesen und bis zum nächsten Mal.

-sovlpvnk

Nächstes Mal bei sovlpvnk: For the Future #2: Veganismus, die wohl simpelste Form der Partizipation

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Published by sovlpvnk

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