Ace-Rep #2 Die Bedeutung und Problematik von Headcanons

Stellt euch vor, ihr könnt euch wann immer ihr eine Serie schaut oder ein Buch lest, nicht mit den Charakteren identifizieren. Sie mögen vielleicht sympathisch sein, aber ihr könnt euch dennoch nicht auf einer tieferen Ebene mit den Charakteren identifizieren. Stellt euch vor, ihr merkt das über Jahre hinweg und fangt an, euch mehr damit zu beschäftigen. Dabei fällt euch auf, dass kaum ein Werk eure Erfahrungen und eure Identität aufgreift. Wie würdet ihr euch dabei fühlen? Eventuell irrelevant oder sogar nicht existent? Wenn ihr Teil einer Minderheit seid, könnte das ein Teil eures Lebens sein.

Aus diesem Grund möchte ich im heutigen Post über das Konzept von “Headcanons” sprechen. Dabei beziehe ich mich insbesondere auf a-spec Headcanons, sprich solche, die das asexuelle Spektrum abdecken, da ein Großteil davon ein großes Problem dieser sexuellen Orientierung verdeutlicht: den Mangel an Repräsentation. Zu diesem Zweck werde ich im ersten Kapitel Headcanons erklären. Im darauf folgenden Kapitel werde ich drei Beispiele zu diesem Thema behandeln und anhand des dritten Beispiels examplarisch erarbeiten, warum Headcanons relevant sind und welche Probleme sie mit sich bringen.

Headcanons betreffen jedoch nicht nur Menschen in diesem Spektrum. Es kann jede Person unabhängig von der sexuellen Orientierung Headcanons haben. Allerdings beschränke ich mich heute auf asexuelle (ace) Headcanons, da diese verdeutlichen, dass es an Repräsentation dieser Orientierung mangelt.

Falls ihr neu auf diesem Blog seid, könnt ihr gerne den folgenden Post lesen, in dem ich Asexualität erkläre. Er dürfte euch dabei helfen, einige der Konzepte zu verstehen, die ich heute ansprechen möchte.

https://sovlpvnk.com/2020/05/17/ace-rep-0-ein-asexuelles-abc-was-ist-asexualitat/

Da das geklärt ist, jetzt zur Frage: Was sind “Headcanons”?

Headcanons

Laut Urban Dictionary handelt es sich bei einem Headcanon um “eine bestimmte Ansicht, die im Universum des Programms oder der Geschichte, der jemand folgt, nicht explizit angesprochen wurde, jedoch für eine bestimmte Person sinnvoll scheint und somit zum persönlichen Kanon wird” (Urban Dictionary). In anderen Worten: ein Headcanon ist kein offizieller Bestandteil einer Geschichte, sondern vielmehr eine persönliche Interpretation davon, die einer Person helfen kann, sich Aspekte innerhalb einer Geschichte zu erklären und für diese Person logisch oder sinnvoll scheint.

Solche Headcanons sind nicht kanonisch, sprich innerhalb der Story sind sie nicht bestätigt, doch zu einem späteren Zeitpunkt könnten sie im Werk verarbeitet und somit in den Kanon aufgenommen werden, beispielsweise wenn die Autor*in merkt, dass ein Headcanon populär ist (Urban Dictionary). Entweder das passiert, oder ein(e) Autor*in zerstört jegliche Hoffnung der Leserschaft auf Repräsentation in einem Werk, wie es auch J.K. Rowling erfolgreich durch ihre Tiraden gegen Trans-Personen auf Twitter tat.

Da ich das Konzept erklärt habe, werde ich euch im kommenden Kapitel einige Beispiele zeigen, um zu verdeutlichen, worum es dabei geht.

Einige (fragwürdige) Headcanons

Sheldon Cooper aus “The Big Bang Theory”

Einige bekannte Charaktere, die oftmals Ziel von Headcanons sind, sind Sherlock Holmes aus “Sherlock” und Sheldon Cooper von “The Big Bang Theory”. Beide sind stereotypische Aces, da sie sehr stark auf ihre Arbeit konzentriert und nur wenig an zwischenmenschlicher Interaktion interessiert sind. Das deutet bereits eines der Probleme, die ich mit diesen Charakteren habe, an: sie sind recht stereotypische Darstellungen davon, was der Mainstream als “asexuell” ansehen könnte. So gibt es bei “The Big Bang Theory” oftmals Witze über Sheldons “Asexualität” im uninformierten Sinne, dass es eine kindliche oder unmenschliche Eigenschaft sei. Das werdet ihr auch im folgenden Ausschnitt sehen.

Hier sieht man einige der schlimmsten Irrglauben über Asexualität

Penny fragt Sheldons Freunde nach seiner sexuellen Orientierung “What’s his deal?” und macht sich über ihn lustig, indem sie fragt, ob er auf Puppen stehe. Leonard erklärt daraufhin, dass sie bisher dachten, Sheldon stehe auf niemanden, was ein Hinweis dafür sein könnte, dass Sheldon asexuell ist.

Darauf antwortet Penny mit der heteronormativen Annahme, dass jeder ein sexuelles Interesse habe. Darauf folgt noch mehr Heteronormativität als Howard mit dem Topfschnitt sagt: “Nicht Sheldon”. Das ist aus verschiedenen Gründen problematisch. Zum einen stimmt er dadurch implizit Pennys Heteronormativität zu und zum anderen hebt er hervor, dass Sheldon “anders” ist (weil er kein sexuelles Interesse zu haben scheint). Zudem sagt er, dass sie verschiedene Theorien aufgestellt haben, wie er sich fortpflanzen könnte. Das bestätigt erneut Pennys unangebrachte Aussage und degradiert Sheldon zu einem nicht-menschlichen Etwas, das sich auf andere Art und Weise als Sex fortpflanzt. Diese Aussage impliziert somit, dass Asexualität keine menschliche Eigenschaft ist.

Ab diesem Punkt wird es nur schlimmer, da Sheldons “Freunde” ihre Theorien über seine Fortpflanzung vorstellen und ihn dadurch weiter entmenschlichen. Howard nimmt an, dass er sich über Zellteilung vermehrt, wie es Eukaryoten tun, während Leonard nicht vollkommen ernst meint, dass Sheldon eine Metamorphose durchlaufen und mit Mottenflügeln und einem Exoskelett sein Kokon verlassen wird. Auch diese Aussagen entmenschlichen Sheldon und stellen ihn lächerlich dar. Das zeigt (wahrscheinlich unbeabsichtigt) die Entmenschlichung die manche Asexuelle in ihrem Umfeld erfahren.

Hierbei handelt es sich nur um eine kurze Szene, doch sie zeigt bereits einige Probleme, die die mögliche Darstellung von Asexualität in dieser Serie mit sich bringt. In “The Big Bang Theory” werden Vorurteile genutzt, um Lacher zu erzeugen. Dabei dekonstruiert die Serie diese nicht, sondern feuert diese nur weiter an. Daher ist es fragwürdig, ob Sheldon asexuell ist. Offensichtlich interessieren sich die Autoren der Serie nicht für eine angemessene Darstellung des Themas, sondern eher für gute Einschaltquoten. Dabei würde political Correctness nur im Weg stehen.

Abseits dieser Szene wird Sheldon selbst als recht asozial dargestellt. Er hat Probleme mit grundlegender Interaktion und Sexualität, doch später in der Serie findet er eine Parterin und schläft mit dieser. Das heißt nicht, dass er asexuell ist, doch im Rahmen der Serie unterstützt dies nur Vorurteile über Asexualität à la “asexuell = unentschlossen/unerfahren”. Alles in allem denke ich nicht wirklich, dass er asexuell ist, sondern eher, dass er andere Prioritäten hat. Im weiteren Verlauf der Serie öffnet er sich mehr gegenüber anderen Charakteren und seine Prioritäten verändern sich, wodurch er offener für Beziehungen wird. Um ehrlich zu sein kann ich nicht wirklich nachvollziehen, weshalb manche Menschen hoffen, dass er asexuell ist, da ich diese Darstellung grauenhaft finde. Sheldons “Asexualität” entspricht den schlimmsten und dümmsten Stereotypen über diese Orientierung und wäre meiner Meinung nach schlechte Repräsentation.

Jemandem eine solche Frage zu stellen, ist etwas invasiv und nicht ok, insbesondere wenn man es vor dem Hintergund tut, dass eine Person (vielleicht) asexuell ist.

Andererseits verurteile ich niemanden dafür, sich Repräsentation zu wünschen. Wenn Sheldon für euch eine solche bietet, ist das gut für euch. Allerdings denke ich, dass dies verdeutlicht, wie manche Menschen verzweifelt nach Repräsentation suchen, selbst wenn diese fragwürdig ist und Vorurteile über ihre Identität anfeuert. Ich denke, diese “Verzweiflung führt teils dazu, dass Menschen ihre Asexualität auf fiktionale Charaktere projezieren, da für sie scheinbar schlechte Repräsentation besser als keine ist. Dieses und die folgenden Beispiele aus anderen Werken werden diesen Aspekt weiter verdeutlichen und den Bedarf an Diversität und Repräsentation hervorheben.

Sasuke Uchiha – “Naruto” & “Naruto Shippuden”

Wer ist Sasuke? Naja, er ist ein weiterer stoischer, scheinbar apathischer und nachdenklicher Charakter, also “muss” er asexuell sein. Im Ernst: diese Beschreibung wird diesem Charakter keineswegs gerecht. Hier eine kleine spoilerfreie Zusammenfassung seiner Geschichte: sein älterer Bruder ermordete ihre gesamte Familie aus Gründen, die er zu Beginn der Serie nicht kennt. Daher ist es für die gesamte erste Serie, “Naruto”, Sasukes Ziel, seinen Clan zu rächen, indem er seinen älteren Bruder tötet. Wie man sich denken kann, ist er durch die Ereignisse traumatisiert und für einen Großteil seines Lebens ist sein einziger Lebensinhalt die Rache an seinem Bruder. Logischerweise bleibt unter diesen Umständen kein Platz für Romanzen, ergo heißt sein mangelndes romantisches Interesse nicht unbedingt, dass er aromantisch oder asexuell ist.

Zu einem späteren Zeitpunkt beraubt ihn ein großer Plottwist seines Lebensinhaltes, was in weiteren Traumata resultiert und Annahmen bezüglich seiner Sexualität umso weniger aussagekräftig macht, wenn man sich die Umstände betrachtet.

In diesem Fall gibt es mehrere Aspekte, die dafür sprechen, dass der Charakter nicht asexuell ist. Er ist traumatisiert, da er alle, die ihm wichtig waren, verlor und gezwungen wurde, das Ganze in einem jungen Alter zu beobachten. Aus diesem Grund macht er es sich zum Ziel, sie zu rächen und widmet sein Leben diesem Zweck.

serious sasuke uchiha GIF

Sasuke ist traumatisiert und widmet sich seiner persönlichen Vendetta, die schlichtweg keinen Raum für sexuelle oder romantische Bindungen oder lediglich Freundschaften lässt, da ihn diese bei der Erfüllung seines Ziels hindern würden. Er selbst macht dies an mehreren Stellen klar und ein Großteil der späteren Story der Serie besteht daraus, dass er versucht, sich von allen möglichen Beziehungen zu distanzieren, während sein bester Freund Naruto versucht, ihn davon abzuhalten. Vor diesem Hintergrund ist es äußert fragwürdig, ihn als asexuell zu lesen, da er sich explizit zu einem bestimmten Zweick dazu entscheidet, keine Beziehungen (platonischer oder romantischer Natur) zuzulassen. Das hat nichts mit Asexualität zu tun, sondern ist vielmehr eine selbst auferlegte Isolation, die einem bestimmten Zweck dient.

Basierend auf ein paar Charaktereigenschaften anzunehmen, er sei asexuell, ist etwas reduktiv und lässt die Facetten seines Charakters außen vor. Das ist eines der großen Probleme mit Headcanons: man interpretiert basierend auf ein paar Aussagen die Geschichte auf eine sehr spezifische Art und Weise, die durchaus fragwürdig sein kann. Da sie anderweitig keine Repräsentation erhalten, hoffen manche Menschen also scheinbar darauf, dass bestimmte Charaktere ihnen diese bieten und klammern sich verzweifelt an diese Möglichkeit.

Dieses Beispiel zeigt erneut, wie Menschen nach Repräsentation streben, selbst wenn ein Headcanon nicht wirklich Sinn macht. Scheinbar projezieren sie ihre Hoffnungen auf Charaktere und über-interpretiern deren Verhalten in der Hoffung, sie als asexuell zu lesen und sich somit gesehen oder verstanden zu fühlen. Das verdeutlicht abermals, den Bedarf an Repräsentation.

Aloy – “Horizon Zero Dawn”

Das dritte und letzte Beispiel zu diesem Thema ist ein persönlicher Headcanon, den ich kurz darstellen und kritisch betrachten möchte. Dabei geht es um Aloy, die Protagonistin von “Horizon Zero Dawn”.

“Horizon Zero Dawn” ist eines meiner Lieblingsgames und eine meiner Lieblingsgeschichten insgesamt, unabhängig vom Medium. Es spielt in einer postapokalyptischen Welt, in der Menschen nicht länger die dominante Spezies sind, sondern mit Tier-artigen Maschinen konkurrieren, deren Ursprung niemand genau kennt.

Unter den Motiven, die in diesem Spiel verarbeitet werden, sind Religion, Wissenschaft, Fortschritt und die Ethik von Wissenschaft und es ist eine sehr interessante Erfahrung. Die Geschichte ist gut geschrieben und die Motive ziehen sich durch das gesamte Spiel. Seine Charaktere und Nebencharaktere sind sehr divers, da es einige POC- und LGBTQUA+ Charaktere gibt und diese komplett normal und legitim dargestellt werden.

Mehrmals kann man im Spiel queere Charaktere treffen und deren Identitäten werden nicht als etwas besonderes dargestellt, sondern normalisiert als etwas ganz normales und natürliches. -Top. Zum Beispiel trifft man einen Mann, der um seinen Lebensgefährten trauert, sowie einen Trans-Mann / eine non-binäre Trans-Person, die Aloy berichtigt, als diese them misgendert. Erst das letzte Mal als ich das Spiel spielte, bemerkte ich, wie divers die Charaktere innerhalb dieser Geschichte sind. Daher viel mir dabei auf, dass Aloy keinerlei romantisches oder sexuelles Interesse zeigt, weshalb ich mich fragte: “Was, wenn Aloy asexuell oder anderweitig queer wäre?”. Wie es die vorangegangen Beispiele zeigen, interessieren sich die Entwickler offensichtlich für LGBTQIA+ -Themen und Repräsentation, weshalb die Annahme, dass die Protagonistin, Aloy, queer sein könnte, naheliegend scheint.

Aloy, die Protagonistin von Horizon Zero Dawn, gif von https://www.reddit.com/r/gaming/comments/6j7f8p/horizon_zero_dawn_aloy_fire/

Zunächst werde ich einige Argumente aufzeigen, die dafür sprechen. Danach werde ich ansprechen, warum diese Punkte fragwürdig sind und einige Argumente aufführen, die dagegen sprechen. Dadurch werdet ihr sehen, warum Headcanons problematisch sein können und warum Repräsentation wichtig ist. Ich versuche, auf Spoiler zu verzichten und diese zu kennzeichnen, da “Horizon” meiner Meinung nach eines der besten Videospiele des vergangenen Jahrzehnts ist.

Warum könnte Aloy ace sein?

Ein Aspekt, der dafür spricht ist, dass sie kein wirkliches Interesse an anderen Charakteren zeigt. Im gesamten Spiel blockt sie Flirts ab und friendzonet Charaktere, die offensichtlich auf sie stehen. Meist scheint sie dabei lediglich uninteressiert bis entnervt, teils wirkt es aber so, als seien ihr die Themen “Romanze” und “Sexualität” unangenehm.

In einer Nebengeschichte basierend auf “Romeo und Julia” trifft Aloy ein Paar, deren Mitglieder aus zwei verschiedenen Stämmen kommen, die sich im Krieg miteinander befinden. Elida, die Julia der Geschichte, fragt Aloy, ob sie das Gefühl von Liebe kenne, woraufhin Aloy etwas zögerlich erklärt, dass sie dieses Gefühl nicht kenne. Das und die Tatsache, dass sie generell nicht interessiert an Flirts und romantischen Beziehungen scheint, spricht dafür, dass sie eventuell aromantisch ist.

Ungefähr zwischen 7:13 min und 7:25 antwortet Aloy zögerlich: ‘I … can’t say that I do’, was impliziert, dass sie keine romantische Liebe empfindet

Es gibt mehrere Stellen, an denen klar wird, dass Aloy nicht am Flirten interessiert scheint und es teils so wirkt, als sei es ihr etwas unangenehm. Es scheint daher ein wenig, als könnte sie asexuell oder aromantisch sein oder vielleicht an Frauen interessiert sein.

Aloy friendzonet Petra. Ihre Mission steht im Vordergrund

Man trifft Petra einige Male und es ist offensichtlich, dass sie an Aloy interessiert ist. Aloy lehnt ihre Flirts nicht komplett ab, sondern geht auf einer spaßigen und freundschaftlichen Ebene darauf ein. In dieser Szene, die vorm Finale des Spiels stattfindet, erklärt sie Petra jedoch, dass sie sich nicht zur Ruhe setzen kann, sondern weiterziehen muss. Das ist nicht das erste Mal, dass Aloy dies tut und Petra akzeptiert es, betont aber erneut ihr Interesse an Aloy.

Aloy blockt solche Annäherungsversuche mehrmals im Spiel ab. Das heißt jedoch nicht unbedingt, dass sie kein Interesse hat. Sie hat schlichtweg keine Zeit und andere Prioriäten, welche ich später ansprechen werde. Gleichzeitig ist aber auffällig, dass sie dem Thema eher negativ gegenübzustehen scheint oder es vermeidet.

Treffender wäre: “Aloy hat genug von schlüpfrigen Anspielungen”

Zum Kontext der Szene: Aloy möchte einen Granatenwerfer nutzen, um Banditen abzuwehren. Davor warnt Petra sie, dass sie die Waffe nicht zu nahe an ihre Hüften halten soll, falls sie diese noch für etwas nutzen möchte. Daraufhin bricht Aloy sie abrupt ab. Ihr scheint das Thema und das damit verbundene sexuelle Innuendo etwas unangenehm zu sein.

SPOILER: Ein Aspekt, der ebenfalls für Aloys potentielle Aromantik spricht, ist das Leitmotiv der Religion, dass sich durch das gesamte Spiel zieht. Um dies ganz simpel darzustellen: Aloy ist ein technischer Jesus, der die Welt und die Menschen um sie herum retten soll. Sie wurde zu diesem Zweck, der Rettung der Welt, künstlich geschaffen. Dem muss man allerdings entgegensetzen, dass es gewagt ist, die sexuelle Orientierung eines Charakters von den Leitmotiven der Geschichte abzuleiten. Nichtsdestotrotz würde dies passen, da es verdeutlichen würde, dass Asexualität und sexuelle Orientierungen im Allgemeinen keine Entscheidung, sind und man so geboren wird. Auf der anderen Seite könnte man diese Parallelen als Zölibat interpretieren, was wiederum nichts mit Aromantik oder Asexualität zu tun hat. Wie man merkt, sind solche Annahmen also fragwürdig.

Davon abgesehen basiert die Möglichkeit, dass sie asexuell oder aromantisch ist, hauptsächlich auf einmaligen Aussagen, wodurch man sie hinterfragen sollte. Zudem gibt es einige starke Argumente dafür, dass sie nicht asexuell ist.

Warum Aloy wahrscheinlich nicht ace ist

Der erste Aspekt, den ich hier ansprechen möchte, ist, dass Aloy als Ausgestoßene aufgewachsen ist und ihr nicht erlaubt war, mit dem Rest ihres Clans in Kontakt zu treten. Menschen, die sich nicht an diese Regeln halten, können selbst aus dem Clan verstoßen werden, weshalb die meisten nicht riskieren, mit Aloy Kontakt aufzunehmen. Daher wuchs Aloy ohne die Möglichkeit auf, romantische oder sexuelle Erfahrungen zu sammeln oder überhapt solche Gefühle zu entwickeln. Ihre einzige Bezugsperson war ihr Adoptivvater. Daher konnte sie faktisch keine romantischen Gefühle entwickeln oder Erfahrungen sammeln und ist möglicherweise lediglich unerfahren. Demnach wäre sie sich ihre sexuellen Orientierung eventuell noch nicht im Klaren, da sie nie die Chance hatte, Anziehung in irgendeiner Form zu empfinden und romantische Gefühle oder sexuelle Anziehung zu entwickeln.

Zwei weitere starke Punkte, die andeuten, dass Aloy nicht asexuell ist, sind ihre Rolle in der Welt des Spiels und ihre Prioritäten. Spoiler voraus! Zum Beginn des Spiels nimmt sie an einem Ritual Teil, dass ihr ermöglichen würde, Teil des Clans zu werden. Dabei kommt es jedoch zu einem Überfall, in Zuge dessen alle Teilnehmer bis auf Aloy getötet werden. Die junge Jägerin wird in den Stamm aufgenommen und ihr wird aufgetragen, die Mörder zu verfolgen, was sie gerne tut, da diese auch ihren Ziehvater getötet haben. Ergo ist Aloys Motivation für einen Großteil des Spiels, Antworten über ihre Vergangenheit und Rache für den Tod ihres Vaters zu erlangen. Wie auch bei Sasuke und Sheldon hat Aloy schlichtweg andere Prioritäten als Liebe, die ihr dafür keine Zeit lassen. Vor diesem Hintergrund ist es fraglich, ob Aloy asexuell ist oder lediglich ihre Ziele als wichtiger ansieht.

Hinzu kommt, dass sich zu diesem Zeitpunkt eine neue Welt für sie öffnet, wortwörtlich, denn zu diesem Zeitpunkt öffnet sich die Spielwelt für die Spieler*innen. Aloy verlässt das Tal, in dem sie aufwuchs und ihr ganzes Leben bis zu diesem Zeitpunkt verbracht hat und für das erste Mal in ihrem Leben sieht sie die Welt jenseits dieses Ortes. Auf ihrer Mission bereist sie verschiedenste Orte und lernt dutzende Leute kennen. Sie nimmt also verschiedenste Eindrücke wahr, nachdem sie ihr gesamtes Leben in einem kleinen Tal in Isolation verbringen musste und das auf einer großen Mission. Das dürfte es ihr zudem schwerer machen, romantisches oder sexuelles Interesse an anderen Menschen zu entwickeln, allein, da sie die neue Situation verarbeiten muss. Somit könnte dies den Mangel an romantischem Interesse im Laufe des Spiels erklären.

Die Kombination all dieser Faktoren impliziert, dass Aloy lediglich andere Prioritäten als Romanzen und Sex und daher schlichtweg keine Zeit für dermaßen triviale Dinge hat. Gegen Ende des Spiels steigt der Druck und die junge Frau muss eine immense Verantwortung, das Schicksal der Welt, auf ihren Schultern tragen. Noch dazu kann sie niemandem davon erzählen, da andere Menschen, die nicht ihr Wissen teilen, sie nicht verstehen würden. Dadurch wird sie zusätzlich zu ihrem Status als ehemalige Ausgestoßene und Fremde isoliert, was ihr eine zusätzliche Last auferlegt.

Wegen dieser Gründe ist es problematisch, Aloy als asexuell zu lesen. Sie hat mit der Rettung der Welt einfach genug zu tun und muss gleichzeitig mit der damit verbundenen Verantwortung und dem, was sie in Zuge dessen über sich selbst erfährt, umgehen.

Zusätzlich muss sie, um sich verlieben zu können, zunächst mit sich selbst klarkommen und mit den oben genannten Problemen umgehen. Das impliziert, dass es sich hierbei lediglich um eine Sache der Prioritäten handelt und Romanzen offensichtlich niedriger liegen, als das Schicksal der Welt. So lange ihre Charakterentwicklung nicht abgeschlossen ist, würde ich Aloy nicht als ace labeln, doch ich bin gespannt, wie sie sich weiterentwickeln wird. Das Sequel “Horizon Forbidden West” wurde letzten Monat angekündigt und wenn sich Aloy darin als asexuell entpuppen würde, könnte dies die mitunter beste Repräsentation dieser Sexualität sein, da Aloy insgesamt ein großartiger Charakter ist und sie einige der Miskonzeptionen über Asexualität dekonstruieren würde.

Was für eine Rolle spielt das?!

election 2016 representation GIF by WatchUsRun

Wie im Vorfeld angedeutet, wirkt es auf mich so, als würden manche Menschen das Verhalten von Charakteren etwas einseitig interpretieren und einzelnen Aussagen dieser Charaktere zu viel Wert zuschreiben. Somit interpretieren sie einen Charakter als asexuell, weil sie hoffen, dass dies der Fall ist und somit ihre Hoffnungen auf den Charakter projezieren. Dass somit einmaligen Aussagen ein zu großer Wert gegeben und Charaktere dadurch als asexuell interpretiert werden, zeigt wie fragwürdig Headcanons sind und verdeutlicht den Bedarf an Repräsentation.

Es gibt kaum Repräsentation zu Asexualität, unabhängig vom Medium. Das trägt zu den Unsicherheiten, die diese Orientierung mit sich bringen kann bei. Man füllt sich als nicht gesehen, eventuell auch nicht existent, da Heterosexualität normalisiert wird. Das gilt nicht nur für Asexuelle, sondern auch für andere queere Identitäten, die somit marginalisiert werden. Die Abwesenheit von Repräsentation trägt zur Marginalisierung bei.

Abseits von sexuellen Orientierungen ist das Thema natürlich auch für People of Colour relevant. Sie werden auch von schlechten Stereotypen betroffen und gute Repräsentation, die diese dekonstruiert, könnte helfen, Rassismus und andere verächtliche Ideologien zu bekämpfen. Repräsentation gibt marginalisierten Gruppen also eine Stimme und hilft, deren Marginalisierung zu bekämpfen.

Aus diesem Grund ist es schön, mehr Diversität in den Medien zu sehen. Mehr Minderheiten erhalten Repräsentation im Fernsehen, Kino und anderen Medien. Allerdings setzt sich Heteronormativität weiterhin durch. Vor diesem Hintergrund ist es besonders frustrierend, wenn sich Menschen darüber beschweren, dass ihnen nicht-heterosexuelle Charaktere aufgezwungen würden, wie man es leider oft bei Blockbustern, Netflix-Shows und Triple A Videspielen beobachten kann. *hustet The Last of Us II. Wenn man nicht hetero ist, wird man ständig mit Heteronormativität konfrontiert. Daher ist es schön, zur Abwechslung Charaktere zu sehen, die nicht nach dieser Norm leben und eben nicht ständig cishet Charaktere aufgezwungen zu bekommen.

Ich denke, die Situation verbessert sich langsam, doch es gibt weiterhin einiges zu tun, was dieses Thema angeht. Asexuelle (unter anderen) könnten durchaus gute Repräsentation gebrauchen. Wenn es mehr davon gäbe, müssten Menschen nicht an Headcanons festhalten, um sich bestärkt und gesehen zu fühlen. Der starke Fokus darauf könnte als Ausdruck des Mangels an Repräsentation interpretiert werden.

Was kann man tun?

Das grundlegendste, das man unternehmen kann, ist Aufklärung. Wir müssen unsere Freunde und Familien aufklären und ihnen zeigen, dass es mehr als eine Art zu leben gibt und alles Lebensweisen gleichwertig sind. Die Medien könnten neben konventionellen Lebensweisen auch diversere Beziehungen zeigen und darüber aukflären, was zur Aufklärung beitragen würde. Das könnte Diskriminierung vorbeugen und betroffenen Menschen helfen, ihre Identität zu verstehen und sich verstanden zu fühlen. Dasselbe gilt für alle Formen von Diskriminierung. Wir müssen uns dessen im Klaren sein und unsere Familien und Freunde über diese Themen aufklären, um zu verhindern, dass diese eventuell auch hassvolle Ideologien aufrecht erhalten.

Wenn euch queere Charaktere nerven, versucht euch in die andere Position zu versetzen. Normalerweise werden wir permanent mit Heterosexualtität konfrontiert, also ist es schön zur Abwechslung bestätigt zu werden. Das stellt nicht die “Legimität von Heterosexualität” in Frage und niemand versucht “Kinder einer Gehirnwäsche zu unterziehen und zu queeren Zombies zu machen”. Es geht lediglich darum, Menschen und ihre Verschiedenheiten zu akzeptieren und das Positive darin zu sehen.

Als abschließende Frage: Habt ihr Headcanons und was denkt ihr darüber? Um noch ein mal etwas klarzustellen: ich verurteile niemanden für Headcanons, aber ich denke oftmals, dass diese einfach keinen Sinn machen. Gleichzeitig verstehe ich, warum Leute hoffen, dass bestimmte Charaktere ace sind, daher schrieb ich auch diesen Post, da ich das Gefühl hatte, dass es einfach mehr Repräsentation für asexuelle und queere Identitäten im Allgemeinen geben müsste. Schreibt eure Meinung gerne in die Kommentare oder auf Twitter unter @sovlpvnkblog.

Wie immer vielen Dank für’s Lesen.

-sovlpvnk

Nächstes Mal bei sovlpvnk: For the Future #3: Veganismus vs. Vegetarisimus

Quellen:

Urban Dictionary, “headcanon” In: urbandictionary.com, URL: https://www.urbandictionary.com/define.php?term=headcanon [22.07.2020].

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Published by sovlpvnk

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