Ace-Rep #3: LGBTQ Gatekeeping – Bisexuelle und Ace Erasure

Als ich von Asexualität erfuhr und mich zunehmend mit LGBTQIA-Themen befasste, bemerkte ich schnell, dass es Tendenzen dazu gibt, dass bestimmte Menschen ausgeschlossen werden. Viele Menschen, die sich entlang des asexuellen Spektrums identifizieren, wurden bereits ausgeschlossen, wenn sie mit anderen LGBT-Menschen in Kontakt kamen und bereits davor wurden Bisexuelle auf ähnliche Weise ausgeschlossen. Zusätzlich zum Status als ausgestoßene Person, den man ohnehin empfindet, wenn man nicht hetero ist, kann man sich also zunehmend isoliert fühlen, wenn man selbst in vermeintlichen Safe Spaces ausgeschlossen wird. Das kann also zusätzlich zum Gefühl des Allein-Seins beitragen.

Aus diesem Grund möchte ich heute über Gatekeeping in der LGBT-Community sprechen und zwei Themen, die oftmals damit verbunden sind: Bi- und Ace-Erasure. Erasure kommt von to erase, was so viel wie auslöschen heißt: Bisexualle und Asexuelle werden oftmals ihrer Identität beraubt, da diese als nicht existent dargestellt und komplett verleugnet wird. Leider gibt es immer noch Menschen, die denken, dass es ok sei, zu versuchen, für andere über deren Identität zu bestimmen. Daher werde ich heute versuchen, aufzuzeigen, warum das nicht der Fall ist. Da es um zwei Identitäten geht, werde ich das Ganze in zwei Posts aufteilen. Heute spreche ich über die Grundlagen und verdeutliche die Ähnlichkeiten zwischen Bisexualität und Asexualität und im nächsten Post werede ich mediale Beispiele zu Erasure beider Identitäten nennen.

Bevor wir anfangen: Ihr seid legitim in eurer Identität und lasst euch von niemandem da reinreden oder euch von anderen definieren. Außerdem sollte es keinen Wettbewerb geben, in dem es darum geht, wer am meisten diskriminiert wird. Solche Dinge in ein Verhältnis zu setzen, macht überhaupt keinen Sinn und ist einfach nur unangemessen. Heute werdet ihr sehen, weshalb.

Trigger Warnung: sexuelle Nötigung

Disclaimer: Pansexuelle können natürlich auch Erasure erfahren und ich wollte sie nicht außen vor lassen. Ich beschränke mich hier jedoch auf bisexuelle Personen, um das Ganze in lesbaren Ausmaßen zu halten. Ich denke, Pansexualität und die damit verbundenen Erfahrungen sind einen eigenen Post wert.

Was ist Gatekeeping?

Um über das Thema sprechen zu müssen, müssen wir zunächst das Konzept klären, also worum geht es bei Gatekeeping? Es gibt verschiedene Definitionen und Beispiele zu diesem Begriff. Es folgen einige Beispiele, die den grundlegenden Punk verdeutlichen sollten. Diese stammen von queer undefined.

  • bestimmte Individuen von sicheren Räumen, Gruppen oder Ressourcen fernhalten
  • medizinisches Gatekeeping: Cisgender Ärzte, die transgender Individuen davon abhalten, Ressourcen zu erhalten, die ihnen helfen, ihr Gender zu verwiklichen Umschreiben!!!
  • Transphobie oder auch Trans-Personen, die Menschen ohne Dysphorie, Nonbinäre oder non-conforming Personen aus Trans-Räumen drängen möchten
  • Mitglieder einer Gruppe betrachten andere Mitglieder dieser Gruppe als nicht valide, Beispiele: bisexuelle, asexuelle Personen oder Bi-Lesben fallen dem zum Opfer (vgl. queer undefined)

In der Essenz schließen Gatekeeper andere Gruppen aus. Wenn dies in einem safe space stattfindet, wie es beim LGBTQIA+ Spektrum der Fall ist, ist das aus offensichtlichen Gründen äußerst prekär. Darüber werde ich heute in größerem Detail sprechen.

Allerdings kann Gatekeeping nötig sein, wenn man dadurch Prävention betreiben möchte. Beispielsweise wäre es auch Gatekeeping, wenn man Pädophile von Orten fernhält, an denen sich viele Kinder aufhalten oder wenn eine Arbeitskraft gefeuert wird, nachdem sie gegenüber einer anderen Person gewalttätig wurde (Vgl. McAlpine). Dabei handelt es sich um komplett legitime Formen von Gatekeeping. TERFs nutzen Gatekeeping jedoch gerne als Vorwand, um insbesondere Trans-Frauen zu diskriminieren. Daher muss bei Gatekeeping immer der Kontext betrachtet werden.

Oftmals überschneiden sich Gatekeeping, Biphobie und Ace-phobie und Erasure, wie sich am nächsten Kapitel zeigt. Darin spreche ich über einen Artikel von Devon Price, einer Person, die sich sowohl als asexuell, als auch als bisexuell identifizierte und von den damit verbundenen Erfahrungen spricht.

Bisexualität und Asexualität – Gegenteile oder zwei Seiten einer Medaille?

Devon Price identifizierte sich als asexuell und bisexuell und beschreibt im Artikel “The Asexual-Bisexual Mirror”, in wie fern sich die Erfahrungen beider Identitäten überschneiden können und insbesondere welche Formen der Diskriminierung beide von hetero- und nicht-heterosexuellen Personen erfahren.

Darin wird die Verbindung zwischen Asexualität und Bisexualität wie folgt zusammengefasst:

“Asexuelle und Bisexuelle brechen beide die Gender Binary. Ihre Identitäten entsprechen nicht heteronormativen Erwartungen und sie gehen ihre Beziehungen anders an, als es gesellschaftlich vorgegeben wird. Um asexuelle und bisexuelle Menschen zu verstehen, muss man die eigenen Annahmen zur Funktionsweise von Verlangen und Beziehungen hinterfragen” (Price).

Mit dem oben genannten Ausschnitt erfasst Price perfekt die Verbindung beider Orientierungen. Obwohl sie wie Gegenteile wirken mögen, sind Asexualität und Bisexualität sich in einigen Aspekten sehr ähnlich. Asexuelle empfinden keine sexuelle Anziehung zu keinem Geschlecht, oder die Anziehung, die sie empfinden, variiert, während Bisexuelle potentiell sexuelle Anziehung zu mehr als nur einem Geschlecht empfinden. Man könnte sie also als zwei Seiten einer Medaille betrachten. Beide stellen statische, binäre Einteilungen von sexueller Anziehung in Frage, da sie potentiell über zwei Geschlechte hinaus gehen. Sexuelle Anziehung lässt sich nicht immer klar unterteilen, sondern existiert in einem Spektrum und kann verschiedenste Gender-Identitäten abdecken.

Während Bisexualität Monosexismus, die Annahme, dass man nur Anziehung zu einem Geschlecht empfinden könne (Vgl. Clements), in Frage stellt, widerspricht Asexualität der heteronormativen Annahme, dass jeder Mensch auf gleiche Art und Weise sexuelle Anziehung empfindet. Insbesondere romantische, asexuelle und aromantische Orientierungen verdeutlichen somit die Unzulänglichkeit von Heteronormativität und Amatonormativität, um die Wirklichkeit zu beschreiben.

Notiz am Rande: Amatonormativität wertet monogame Beziehungen, bestmöglich mit Kindern, über andere Beziehungen und stellt romantische Beziehungen über Freundschaften und andere nicht-romantische Arten zwischenmenschlicher Beziehungen (Vgl. LGBTQ Wiki).

Sexualität als Spektrum

Um ein Beispiel dafür zu nennen, wie Bisexualität die oben genannten Kategorien herausfordert, könnte man sich auf Bi-Lesben beziehen. Diese empfinden potentiell sexuelle Anziehung gegenüber mehr als einem Geschlecht, fühlen sich aber fast exklusiv zu Frauen hingezogen und labeln sich daher als Lesben. Das zeigt auf, dass Anziehung Nuancen hat, die über binäre Einteilungen hinaus gehen. Es gibt nicht nur hetero und nicht-hetero und diese existieren nicht komplett getrennt von einander, sondern können einzelne Kategorien überlappen und Menschen labeln sich, wie es für sie am besten passt. Bi-Lesben werden jedoch oft stark kritisiert und in ihrer Validität in Frage gestellt, da sich manche Lesben durch deren Identität angegriffen fühlen.

Identitäten, die in der Grauzone zwischen asexuell und sexuell liegen, sind ein eigener Teilbereich: Gray Asexual Identities. Graue Identitäten können also ein hilfreiches Label sein, wenn die eigene Identität irgendwie ins asexuelle Spektrum passt, aber sich nicht ganz genau benennen oder einschränken lässt. Wenn beispielsweise jemand meistens keine sexuelle Anziehung empfindet, jedoch manchmal schon, könnte sich diese Person vielleicht am ehesten mit dem Grey-Label identifizieren, weil das eventuell deren Identität am treffendsten beschreibt. Das heißt jedoch nicht, dass dies eine Phase ist, aus der die Person herauswächst, sondern ist eine legitime Identität. Wie das vorherige Beispiel geht dies über lediglich binäre Einteilungen gemäß “entweder oder” hinaus und bietet eine Möglichkeit, die Nuancen von Identitäten treffender zu beschreiben.

Wie die Beispiele verdeutlichen, sind Menschen und ihre Sexualitäten reich an Nuancen. Daher werfen die beiden Identitäten wichtige Fragen auf bezüglich der bereits existierenden Labels, die eben nicht jeden Fall treffend beschreiben können.

Nur weil eine Person prinzipiell Anziehung gegenüber zwei oder mehr Geschlechtern empfinden kann oder keine Anziehung gegenüber diesen empfindet, heißt das nicht, dass dies konstant der Fall ist. Ebenso nimmt eine hetero- oder homoromantische Beziehung der Identität einer bi- oder asexuellen Person nicht ihre Legitimität. Die Beziehung und das Geschlecht des Partners hat in diesem Fall keine Aussagekraft über die Identität einer Person. Wenn ich eine Beziehung hätte, was bisher nicht der Fall war und sich wahrscheinlich nicht ändern wird, würde das nicht automatisch heißen, dass is nicht mehr asexuell oder aromantisch bin.

Identifiziert sich eine Person anders als ihr, heißt das nicht, dass deren oder eure Identität weniger valide ist. Ich kann nachvollziehen, warum Lesben eventuell gemischte Gefühle zu Bi-Lesben haben, aber ich denke, sie sollten sich nicht in ihrem Wert bedroht sehen. Bi-Lesben könnte man als Erweiterung lesbischer Identitäten betrachten. Am Ende des Tages ist das Label hilfreich für Menschen, die sich dadurch treffend identifizieren können, also wer seid ihr, dass ihr versucht, ihnen zu sagen, sie seien nicht valide? Davon abgesehen könnte man zwischen den Problemen von Lesben und Bi-Lesben unterscheiden und diese gesondert von einander betrachten. So nimmt das Label “Bi-Lesbe” doch nichts von der lesbischen Identität weg, sondern gibt ihr mehr Nuance und hilft anderen Frauen, sich selbst treffend zu beschreiben, also warum sollte man das Ganze nicht einfach akzeptieren?

Die Asexuelle und Bisexuelle Erfahrung

Price nennt mehrere Beispiele, für die Ähnlichkeiten zwischen beiden genannten Sexualitäten. Price kategorisiert sogar einige Formen der Erasure und Feindseligkeit gegenüber Bi- und Asexuellen. Als a- und später bisexuelle Person machte Price ähnliche Erfahrungen, da deren Identität permanent nichtig gemacht und als heterosexuell dargestellt wurde (Vgl. Price).

Darüber hinaus forderte man oftmals Beweise für Prices Identität (ebd.). Man stellte Price invasive Fragen bezüglich sexueller Erfahrungen und stellte deren Identität als nichtig dar, wenn man nicht mit den Antworten zufrieden war (ebd.). Price fasst es wie folgt zusammen: “Man weigerte sich, meinem eigenen Geist und meinem Körper zu vertrauen. Man glaubte, mich besser zu kennen als ich selbst und wollte mir beweisen, dass ich falsch sei” (Price).

Eine weitere Erfahrung, die Price leider machen musste, war sexuelle Nötigung, sowohl als asexuelle und bisexuelle Person. Als ace-Person erzählte man Price, noch nicht gereift zu sein oder ähnliches und behandelte Price, als bräuchten they Hilfe. In Zuge dessen versuchte man, Price Sex aufzuzwingen. “Jede Nacht verbrachte ich damit, seine Annäherungen, Zwänge und seinen Druck abzuwehren. Ich fühlte mich im eigenen Zuhause unsicher. Ich konnte nicht mit ihm allein Zeit verbringen, ohne angefasst, bedrängt, belästigt, angeflüstert und um Sex bebettelt zu werden. Oft gab ich seinen Forderungen nach, einfach nur, um den Druck zu stoppen” (ebd.).

Als Price sich als bisexuell identifizierte, erwarteten Menschen Dreier oder versuchten, basierend auf deren Identität andere sexuelle Handlungen zu erzwingen, beispielsweise indem sie Price Frauen entgegenstoßen oder uneinvernehmlich ein Bild auf einer Datingplattform hochluden (ebd.).

Neben der Verleugnung und den Zwängen, denen Asexuelle und Bisexuelle ausgesetzt sein können, erfahren sie oft Misstrauen, zum Beispiel in Beziehungen. Wenn man seine Ace-Identität nicht sofort enthüllt, wird man eventuell als trügerisch betrachtet, während bisexuelle Personen oftmals Stereotypen ausgesetzt sind, beispielsweise bezüglich Klischees zu Polyamorie, die auf Bisexualität übertragen werden (ebd.). Vertreter beider Identitäten werden häufig als aufmerksamkeitssuchend oder als Fremdkörper in queeren Räumen betrachtet, die nicht dort hingehörten. Beide Identitäten werden also von der hetero und der nicht-heterosexuellen Seite oftmals abelehnt (ebd.).

Basierend auf den Parallelen zwischen ihren Erfahrungen fasst Price bezüglich A- und Bisexualität zusammen: “Asexuelle und bisexuelle Menschen sind einander natürliche Verbündete. Ihre Gefühle und Erfahrungen verlaufen sehr oft parallel zu einander. Ich hoffe, dass mehr Menschen, die sich als bi identifizieren das erkennen und darüber sprechen, da Bisexualität in den Augen der Öffentlichkeit eine Reparatur durchläuft. Es ist an der Zeit, dass beide Gruppen komplette Akzeptanz als legitime, unterdrückte, queere Identitäten erhalten” (ebd.).

Prices Artikel bietet einen großartigen Einblick in die Ähnlichkeiten zwischen Asexualität und Bisexualität und die Diskriminierung, die Menschen mit diesen Identitäten erfahren können. Im folgenden Kapitel werde ich anhand einiger Beispiele und Zahlen darstellen, warum Exklusionismus im queeren Kontext, Ace-phobie und Biphobie großen Schaden anrichten können.

Warum wir Exklusionismus stoppen müssen

Die Auswirkungen von Auschließung im LGBT-Spektrum

Warum es schädlich ist, Menschen in Räumen für marginalisierte Gruppen auszuschließen, sollte offensichtlich sein. Hier folgen jedoch einige Beispiele, die dies verdeutlichen sollten.

Oftmals behaupten Menschen, das “A” in LGBTQIA+ stünde für “Ally”-Verbündete, was jedoch komplett die asexuelle Identität außen vor lässt und nichtig macht. Aspec-Individuen werden oftmals von queeren Safe Spaces ausgeschlossen, da sie als “nicht queer genug” oder “lediglich hetero” betrachtet werden und online sieht man, wie sehf vile Menschen ihre Erfahrungen hierzu teilen. Wie Bisexuelle werden wir oft von Gatekeepern, die unsere Identität nicht anerkennen wollen, als straight oder “verwirrt” dargestellt. Darüber hinaus können wir genau so Homophobie erfahren und zusätzlich dazu Ace-phobie. Als ich noch nichts von meiner Identität wusste und mich fragte, was mit mir los ist, half der homophobe BS meiner Mitschüler*innen nicht gerade bei der Identitätsfindung und machte mein Leben nicht angenehmer. Vor diesem Hintergrund ist es “nervig”, als hetero abgetan zu werden, um es diplomatisch zu formulieren. Das blendet nämlich komplett meine Erfahrungen mit Homophobie aus.

Dasselbe gilt für bisexuelle Menschen, die sowohl Homophobie als auch Biphobie von heterosexuellen und Menschen im queeren Raum abbekommen. Man fühlt sich wegen der eigenen Identität eventuell schon als Freak und wenn andere marginalisierte Menschen die eigene Existenz als nicht vorhanden darstellen, fühlt man sich eventuell zunehmend isoliert und allein.

In “Attacked from Within: Gatekeeping in the Queer Community” verdeutlicht Mary Kate McAlpine, wie asexuelle und bisexuelle Menschen insbesondere in der LGBT-Community ausgeschlossen werden können. Bisexuelle werden laut McAlpine oft als “Chamäleons” oder “halb-schwul” dargestellt, was impliziert, dass sie homosexuell und closeted sind oder heterosexuell sind und in einer experimentellen Phase stecken (Vgl. McAlpine). Das ähnelt stark Klischees zu Asexualität.

Allerdings gibt es eine Sache an Gatekeeping und Ausschließung, die besonders nervig ist: die Weiterführung von Heteronormativität durch nicht-heterosexuelle Gatekeeper. Wenn man sich zum Beispiel als heteroromantisch und asexuell identifiziert, wird man mit erhöhter Wahrscheinlichkeit “nur hetero” dargestellt, als wenn man sich als homoromantisch identifiziert. Das ist Erasure, da es die oben beschriebenen Probleme komplett ausblendet. Aber warum ist das heteronormativ? Wenn man eine Person, die keine sexuelle Anziehung empfindet, mit einer heterosexuellen Person gleichsetzt, “weil man hetero oder nicht hetero ist”, ist das ein Standardbeispiel und im Endeffekt die grundlegende Definition von Heteronormativität. Das ist dieselbe Logik, die Menschen auf nur zwei Geschlechter reduziert und nicht erkennt, dass sexuelle Orientierungen auf einem Spektrum existieren, die gleiche Logik. Wer im queeren Bereich basierend auf dieser Logik Gatekeeping betreibt, bestärkt heteronormative Werte und macht sich selbst zum wandelnden Oxymoron. Es macht einfach keinen Sinn und zeugt von Willkühr.

Leider kann der daraus entstehende Schaden weit über schlichte Entrüstung über die logischen Fehlschlüsse von Gatekeepern hinaus gehen. Ihr Verhalten kann schädlich sein und langfristigen Schaden anrichten.

Bisexualität und Geistige Gesundheit

Laut myGwork, einer Organisation für LGBT-Arbeitnehmer, deuten Studien darauf hin, dass mehr Bisexuelle an Depressionen leiden als Heterosexuelle.

“Studien zeigen, dass 37,3 % der bisexuellen Erwachsenen Depressionen meldeten. Dem stehen 17,2 % der heterosexuellen Erwachsenen entgegen. Währenddessen fühlen sich nur 28 % der bi-oder pansexuellen Personen jemals sicher genug, sich ihren Freunden und Familien zu offenbaren” (Vgl. myGwork).

Zudem haben laut GLAAD Bisexuelle höhere Raten von Angststörungen, Depressionen und anderen Störungen als Schwule, Lesben und Heterosexuelle und während bisexuelle Frauen mit einer größeren Wahrscheinlichkeit Opfer häuslicher Gewalt werden als Hetero-Frauen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass bisexuelle Männer HIV und ähnliche Krankheiten bekommen, höher. Das liegt wahrscheinlich an der Stigmatisierung im Gesundheitssystem (Vgl. GLAAD zitiert von myGwork).

Die “Who Am I” Umfrage, welche letztes Jahr in Australien durchgeführt wurde, bietet ähnliche Ergebnisse. 58 % der bisexuellen Befragten gaben an, in hohen Maßen psychischen Stress und oftmals, Panik, Ess-Störungen und Depressionen zu empfinden (Vgl. Ley). “Mehr als eine von vier befragten Personen (28 %) hat in ihrem Leben Selbstmordversuche begangen und 78 % hatten darüber nachgedacht” (ebd.). Ergo scheinen Bisexuelle vermehrt zu kämpfen zu haben und offensichtlicherweise wird ihnen Gatekeeping nicht dabei helfen, sondern es eher verschlechtern. “Interessanterweise erschloss sich aus den Ergebnissen nicht, dass Umgang mit LGBTQ Personen und Freunden mit niedrigeren Maßen von Biphobie oder Unglücklichkeit in Verbindung steht” (Vgl. ebd.).

Laut Ley könne verinnerlichte Biphobie ein großer Faktor sein, der zu den Problemen, die in dieser Studie genannt werden, beiträgt (Vgl. ebd.). Auch das legt nahe, dass Gatekeeping zumindest zu einem gewissen Maße zu den Problemen von Bisexuellen beiträgt, da, wie oben gezeigt, das LGBT-Spektrum dafür mitverantwortlich sein könnte, dass Biphobie verinnerlicht wird. Es sind nicht nur heterosexuelle, sondern auch andere queere Menschen, die daran schuldig zu sein scheinen, da Kontakt mit diesem Spektrum zumindest nicht die negativen Gefühle zu vermindern scheint.

Besonders auf Social Media-Plattformen bekommt man viel von den Problemen von LGBTQIA + Menschen mit, da sie dort leicht ihre Erfahrungen teilen können. Photo by Christopher Ott on Unsplash

Asexualität und Geistige Gesundheit

Leider gibt es kaum Untersuchungen zu Asexualität, doch eine Studie von 2013 legt nahe, dass Asexuelle mit höherer Wahrscheinlichkeit affektive Störungen entwickeln, als ihre heterosexuellen Gegenstücke. Allerdings bezieht diese Arbeit keine non-binären Menschen mit ein:

“24 % asexueller Männer im Vergleich zu 10 % nicht-heterosexueller Männer und 15 % heterosexueller Männer […] bemerkten, dass sie eine affektive Störung hätten. Folgetests deuten darauf hin, dass asexuelle Männer mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit eine affektive Störung haben, als heterosexuelle Männer. Es gab keinen signifikanten Unterschied zwischen asexuellen und heterosexuellen Männern. 30 % asexueller Frauen, 34 % nicht-heterosexueller Frauen und 16 % heterosexueller Frauen wiesen auf affektive Störungen hin. […] Wieder deuteten Folgetests an, dass asexuelle Frauen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Störungen meldeten als heterosexuelle Teilnehmerinnen” (Yule et al.).

Dasselbe gilt für die Wahrscheinlichkeit, dass Asexuelle Angststörungen entwickeln. “20 % der asexuellen Männer, 20 % der nicht-heterosexuellen Männer und 8 % der heterosexuellen Männer meldeten sich positiv auf eine Frage zu Angststörungen zurück” (ebd.). Ähnlichermaßen waren asexuelle Frauen mit 23 % im Verleich zu nicht heterosexuellen Frauen (20 %) und heterosexuellen Frauen (15 %) mit erhöhter Wahrscheinlichkeit von Angststörungen betroffen (Vgl. ebd.).

In Bezug auf selbstmörderische Tendenzen fasst dieselbe Untersuchung zusammen, dass asexuelle Individuen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit davon betroffen sein könnten und das Thema daher näher untersucht werden sollte. Dabei wird darauf verwiesen, dass Asexuelle adäquat bezüglich ihrer Probleme mit geistiger Gesundheit unter Beachtugn ihrer Identität untersucht werden müssten (Vgl. ebd.).

Borgogna et al. kommen zu einem ähnlichen Ergebnis und bemerken, dass es nicht genug Forschung zu Asexualität gebe und es mehr vergleichende und quantitative Ansätze geben müsste, die erfassen, in wie fern sich unterschiedliche Orientierungen vergleichen lassen (Vgl. Bogogna et al.).

Fazit:

Sexuelle Orientierungen sind nicht statisch und in Stein gemeißelt, sondern befinden sich auf einem Spektrum mit Nuancen. Daher macht es keinen Sinn, die Identitäten anderer für diese zu bestimmen. Gatekeeping und Ausschlüsse sollten nicht mehr existieren und Leute, die dahinter stecken, sollten sich etwas anderes überlegen, als andere Menschen herunter zu ziehen um ihren schlechten Selbstwert zu verbessern. Wenn sich jemand als bi und lesbisch, bi oder asexuell identifiziert oder eine Trans-Person die wirkliche Identität auslebt, wie betrifft euch das überhaupt? Das nimmt eurer Identität als Lesbe, Schwuler etc. nicht den Wert und falls ihr das nocht nicht verstanden habt: wenn ihr die Identität anderer nicht akzeptieren könnt, seid ihr im Endeffekt einfach nur intolerant.

Diese Inakzeptanz hat reale Konsequenzen und verstärt nur das Gefühl, allein zu sein und wie die Forschung zeigt, haben bisexuelle und asexuelle Personen ohnehin eine höhere Wahrscheinklichkeit, an Depressionen oder Ähnlichem zu erkranken, als heterosexuele Menschen.

In diesem Sinne: seid bitte tolerant. Versucht, empathisch zu sein und zu verstehen, was andere durchmachen. Insbesondere, wenn ihr Teil einer marginalisierten Gruppe seid, zum Beispiel im LGBTQIA + Spektrum, solltet ihr wissen, wie es ist, wenn man versucht, eurer Identität den Wert zu nehmen und solltet es besser wissen, als das anderen Menschen an zu tun.

Damit ist der heutige Post zu Ende. Vielen Dank fürs Lesen udn schreibt gerne eure Meinung oder Fragen in die Kommentare. Ab dem 25. beginnt die Asexual Awareness Week, also informiert euch gerne über das Thema, wenn es euch interessiert. Im nächsten Teil dieses Posts werde ich einige Beispiele zu Erasuren in fiktionalen werken nennen, also folgt mir gerne hier, auf Twitter oder Instagram, wenn euch das Thema interessiert.

-sovlpvnk

Quellen:

Borgogna, N. C., McDermott, R. C., Aita, S. L., & Kridel, M. M. (2018, September 17). Anxiety and Depression Across Gender and Sexual Minorities: Implications for Transgender, Gender Nonconforming, Pansexual, Demisexual, Asexual, Queer, and Questioning Individuals. Psychology of Sexual Orientation and Gender Diversity. Advance online publication.URL: http://dx.doi.org/10.1037/sgd0000306, Accessed on October 17, 2020.

Ley, David J. “Why Are Mental Health Issues Greater Among Bisexual People? New research offers new insight into troubling findings with bisexuality.” In: Psychology Today, 25 April 2019, URL: https://www.psychologytoday.com/us/blog/women-who-stray/201904/why-are-mental-health-issues-greater-among-bisexual-people, Accessed on October 17, 2020.

LGBTA Wiki. “Amatonormativity.” In: lgbt.wikia.org, URL: https://lgbta.wikia.org/wiki/Amatonormativity, Accessed on October 17, 2020.

McAlpine, Mary Kate. “Attacked from Within. Gatekeeping in the Queer Community.” In: medium.com, 13 November 2017, URL: https://medium.com/@marykatemcalpine/attacked-from-within-gatekeeping-in-the-queer-community-700d412d2db9, Accessed on October 17, 2020.

MyGwork. “How bi-erasure is damaging the bisexual community.” In: mygwork.com, URL: https://www.mygwork.com/en/my-g-news/how-bi-erasure-is-damaging-the-bisexual-community, Accessed on October 17, 2020.

Price, Devon. “The Asexual-Bisexual Mirror. Ace and Bi people are marginalized in many of the same ways.” In: devonprice.medium.com, 11 June 2019, URL: https://devonprice.medium.com/the-asexual-bisexual-mirror-f70b42b38ca7, Acessed on October 17, 2020.

Queer Undefined. “Gatekeeping.” In: queerundefined.com, URL: https://www.queerundefined.com/search/gatekeeping, Accessed on October 17, 2020.

Yule et al. “Mental health and interpersonal functioning in self-identified asexual men and women” In: Psychology & Sexuality, 2013, Vol. 4, No. 2, 136–151, URL: http://dx.doi.org/10.1080/19419899.2013.774162, Accessed on October 17, 2020.

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Published by sovlpvnk

On this blog, I talk about the alternative music scene and its ethics as well as LGBTQIAP+ -related topics. I mostly write about asexuality, political issues and their representation in media. Expect content in English and German every two weeks.

2 thoughts on “Ace-Rep #3: LGBTQ Gatekeeping – Bisexuelle und Ace Erasure

  1. Hey sovlpvnk,
    was ein massiver Beitrag, wow! Fühle das sehr! Und gerade den Aufruf zu bi-ace-Solidarität finde ich einfach sehr berührend und wichtig. Vielen Dank dafür!

    Ich hoffe, es ist okay für Dich, wenn ich zwei kleine Anmerkungen machen kann? Ansonsten sag’ Bescheid!

    Ein “Allerdings kann sich dies im Laufe des Lebens verändern oder schwanken.” finde ich gerade im Zusammenhang mit Asexualität zuweilen manchmal etwas problematisch. Das sexuelle Orientierungen fluide sein können steht außer Frage! Na klaro! Nur genau dieser Satz des “es könnte sich ja [impliziert:zum Glück]” noch etwas ändern” ist kontextabhängig schon mit acespecfeindlicher Konnotation verbunden, da in einer allonormativen Welt, in der wir ja alle leben, Asexualität und das komplette asexuelle Spektrum als nicht-valide Sexualität gesehen wird und die Hoffnung hochgehalten wird, dass es “nur” eine Phase ist und unsere Nicht-Sexualität als ‘etwas noch zu Rettendes’ betrachten wird. Sind eben zwei tropes, mit denen vorsichtig umgegangen werden muss. Ich weiß einfach nicht, ob das zu grey ace Identitäten passt, denn das stellt sie ja auch explizit in Frage. Ich persönlich fände es schön, wenn dem asexuellen Spektrum eben nicht per se “Änderungsfähigkeit” angehängt würde, wenn es nicht auch explizit bei anderen Sexualitäten passiert. Grey Aces sind nicht “leicht andere” oder “veränderte” Asexuelle oder eine Identität, die nur über zeitliche Änderung definiert ist. Sie stehen für sich.

    Zum anderen ist es nicht “Aphobie”, sondern ‘Ace-‘ wäre hier eine wichtige Spezifikation, da Aros da eigentlich mitreinfallen, aber ja unerwähnt bleiben. Wenn Aros nicht spezifisch mitgemeint sind, sondern erstmal nur Asexuelle, dann nur ‘Ace’; alles andere wäre sonst Aro Erasure. Überhaupt die Frage, ob es nicht lieber ‘Aspecfeindlichkeit’ heißen sollte, weil der Wortsinn bei Aph*bie etwas widersprüchlich ist. Aber das ist ein Thema für ein anderes Gespräch und da mag ich Dir Deine Kommentarspalte nicht zuschreiben.

    In Solidarität, Pancake 🙂

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    1. Vielen Dank. Das ist auf jeden Fall gutes Feedback. Ich werde schauen, dass ich das besser ausformuliere. Ich muss mich noch ein bisschen präziser ausdrücken. Auf jeden Fall vielen Dank. Als ich gerade nochmal drüber geschaut habe, ist mir aufgefallen, wie schlecht das mit grey Aces formuliert war. 😀 Uff. Ich hab es angepasst und sauberer ausformuliert. Nochmals danke.

      Gruß,

      Marcel

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