Interview #1: Simon (Tieraktivist, Doktorand, Animal Liberation Trier)

Repräsentation ist seit jeher eines der Kernthemen dieses Blogs. Bisher lief das Ganze jedoch etwas einseitig ab und ich schrieb lediglich aus meiner Perspektive über verschiedene Themen. Da ich jedoch unbedingt vermeiden möchte, für andere Menschen, insbesondere marginalisierte Gruppen, zu sprechen, entschloss ich mich, meine bisherige Arbeitsweise zu überdenken.

Wegen dieser Selbstreflexion und meinem Studienstress war es die letzte Zeit ruhig hier, aber ich bin zurück und habe ein neues Projekt im Schlepptau. Da es sich hierbei um den ersten Post unter diesem Format handelt, erkläre ich zunächst kurz die Ideen und Grundsätze hinter diesem Projekt.

In dieser Reihe möchte ich Menschen eine Plattform bieten, um über Themen zu sprechen, die ihnen wichtig sind. Dabei versuche ich, die Interviews möglichst nahe und akkurat, sprich ohne Zensur, festzuhalten. Hier sollen Kunstschaffende und Aktivismusbetreibende die Möglichkeit erhalten, einen kleinen Einblick in ihre Arbeit zu bieten, frei über ihre Herz-Themen zu sprechen und möglicherweise neue Menschen für diese Bereiche begeistern zu können.

Daher blicken wir in diesem Format hinter die Kulissen und sprechen darüber, was das Interesse der Gäst*innen in die behandelten Themen weckte und welche Ressourcen sich besonders gut eignen, um einen Einstieg in das jeweilige Thema zu erlangen. Wenn ihr euch für Tierrechtsaktivismus und akademisches Arbeiten, insbesondere das Promovieren, interessiert, dürfte der heutige Post euch besonders interessieren, da ich mit meinem ersten Gast, Simon, über genau diese Themen spreche. Viel Spaß!

1. Könntest du dich kurz vorstellen und erklären, was du genau machst?

Simon: Ich bin Tieraktivist und Doktorand an der Universität Kassel. Da forsche ich zu den historischen Tier-Mensch-Verhältnissen der deutschen Vegetarismus-Bewegung von circa 1850 bis 1935. Ich würde einmal erklären, was das bedeutet, weil das ja nicht ganz offensichtlich ist.

Einerseits betrachte ich, wie Vegetarier*innen über Tiere sprachen, zum Beispiel mit welcher Bedeutung Tiere in diesem Mikrokosmos aufgeladen wurden. Dazu betrachte ich auch die anthropologische Differenz, also wie die Vegetarier*innen zu verschiedenen Zeiten die Position des Menschen im Vergleich zum Tier herausgearbeitet haben. Sprich, ob sie den Menschen als die Krone der Schöpfung darstellten und ihnen daher Pflichten gegenüber anderen Tieren zusagten, oder ob sie egalitär argumentierten, in dem Sinne, dass der Mensch auch nur ein Tier ist, eines von vielen und so weiter. Das zusammen bildet die ideelle Ebene und darüber hinaus schaue ich mir auch die körperliche Ebene an.

Dabei geht es darum, wie sich Vegetarier*innen gegenüber Tieren verhielten und welche Interaktionen es gab. Ich habe da ein paar Beispiele gesehen, die für uns erstmal keinen Sinn machen, zum Beispiel, dass eine männliche Gruppe von Vegetariern eine Kolonie gründen wollte, um das Paradies zu schaffen, dann aber Ameisenhügel mit Teer füllte oder die Ameisen verbrannte, weil sie die Bebauung störten. Mich interessiert dabei besonders dieses Spannungsverhältnis. Aus unserer Sicht macht es keinen Sinn, dass Vegetarier*innen Ameisen töten oder Pferde schlagen, aber wenn man sich vor Augen führt, dass sie damals davon ausgingen, dass Ameisen als Insekten die am niedrigsten gelegenen Tiere seien und keine Schmerzen hätten oder sie einfach nur als Schädlinge betrachtet wurden, dann macht es schon Sinn, dass sie sich so verhielten, nach einem Weltbild, in dem Ameisen nicht berücksichtigt werden.

Also beschäftigst du dich damit, wie Vegetarier*innen Tiere teils unterschiedlich behandelten?

Simon: Ja, aber ich versuche dabei den Blick auch auf die Tiere zu lenken.  Was bedeutete es zum Beispiel für ein Tier, in einem vegetarischen Umfeld zu leben? Wie wirkten sich die Entscheidungen von Menschen auf Tierkörper aus und auch umgekehrt: wie beeinflusste das Verhalten von Tieren die Menschen? Außerdem gab es damals auch Veganer*innen, die rein ethisch argumentierten und jegliche Tiernutzung ablehnten und andererseits auch Menschen, die Mitleid mit Tieren als Schwäche abtaten und als “weibliche-sentimentale” Eigenschaft darstellten. Solche stellten eher das Wohl der Gesellschaft in den Mittelgrund, ohne Tierwohl im Sinn zu haben, während wieder andere komplett das Tierwohl ins Zentrum stellten.

Möchtest du auch noch über deinen Aktivismus sprechen?

Simon: Ich würde erst einmal Tierrecht, Tierschutz und Tierbefreiung definieren, weil das dem zu Grunde liegt. Das sind die drei großen Strömungen.

Tierschutz bezieht sich leider oft auf Tiere, die gewisse Sympathieträger sind, zum Beispiel Pandas bei WWF, so ein Baby-Panda geht immer. Andererseits kann es dabei auch um Nutztiere gehen und man möchte die Lebensbedingungen der Tiere verbessern. Eine Kritik, die damals schon vegetarische Bewegungen gegenüber Tierschutz aufbrachten, die ich auch heute teilen würde, ist, dass Tierschutz die Nutzung und Tötung von Tieren nicht ablehnt, sondern diese nur möglichst in Ordnung für sie gestalten möchte. Für mich ist das Anthropozentrismus, der Mensch steht im Vordergrund und es ist keine Entscheidung auf Augenhöhe, sondern eine Entscheidung, die den Tieren aufgezwungen wird, weil Menschen sie nutzen möchten. Für die Besänftigung des Gewissens möchten sie dann, dass die Tiere möglichst wenig leiden. Das ist die Kritik, die ich an Tierschutz richten würde.

Tierrechte gehen einen Schritt weiter. Man möchte Tieren grundlegende Rechte sichern, wie ein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, was natürlich auch problematisch sein kann, wenn man das etwas weiterdenkt. Hunde und Katzen werden zum Beispiel zu ihrem Wohl kastriert, wobei es da einen ewig langen Rattenschwanz an Problemen gibt, da sich die Frage stellt, inwieweit wir da eingreifen sollten oder nicht etc. Neben dem Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit gäbe es da noch die Forderung nach politischer Repräsentation, also danach, dass Tiere menschliche Sprecher*innen in der Gesellschaft haben sollten, was wiederum stark von der Strömung der Tierbefreiung kritisiert wird.

Diese geht davon aus, dass immer noch eine Hierarchie bestehen würde, wenn wir Tieren in der menschlichen Gesellschaft Rechte zuschreiben würden. Das sei eine Verstaatlichung von Tier-Mensch-Verhältnissen und Menschen würden als Retter*innen die Tiere bevormunden. Dabei schwingt eine gewisse Kritik gegenüber Staaten insgesamt mit, weil die Tierbefreiungsbewegung aus einer anarchistischen Richtung stammt, die Hierarchien und Staaten ablehnt. Daher kommt die entsprechende Kritik an Hierarchien.

Ein Kunstwerk zur ALF (Animal Liberation Front) – einer Tierbefreiungsbewegung. Es dient lediglich der Veranschaulichung und hat nichts mit Simons Aktivismus zu tun. Bild von stuart hampton auf Pixabay

Ich selbst würde mich einfach als Tieraktivisten bezeichnen. Einerseits verstehe ich den Punkt der Tierbefreiungsbewegung, weil es nicht länger nötig wäre, Tieren Rechte zu geben, wenn alle Tiere als gleich betrachtet werden würden, da es dann kein Interesse mehr an Ausbeutung anderer Tiere gäbe. Andererseits denke ich aber auch, dass eine Verankerung der Rechte nötig wäre, weil an sich ja die meisten von uns Menschenleben wertschätzen, aber trotzdem irgendwo festgeschrieben sein muss, dass man nicht rumlaufen und Menschen töten darf, obwohl das eigentlich Konsens ist, das sollte man zumindest meinen. Praktisch betreibe ich Tieraktivismus.

2. Was weckte dein Interesse an dem Thema? Warum hast du schließlich entschieden, selbst Aktivismus zu betreiben und zu promovieren?

Simon: 2014 nahm ich an einer Demo gegen Tiere im Zirkus teil, aber das gab mir noch nicht wirklich den Anreiz, aktiv zu werden. Der Anreiz dazu kam erst, als ich einen Auslandsaufenthalt in den USA machte und begann, bei Mercy For Animals-Aktionen mitzumachen. Dabei kam ich das erste Mal mit institutionalisiertem Aktivismus in Berührung und als ich aus den USA zurückkam, gründeten sich gerade Gruppen in Trier, also trat ich direkt bei und begann, wöchentlich auf der Straße Aktivismus zu betreiben.

Und die Entscheidung, zu promovieren, kam, wie ich das sehe, als logische Konsequenz?

Simon: Da hast du den richtigen Riecher. Ich sehe das als Erweiterung meines Aktivismus. Der öffentliche Diskurs über den Platz von Tieren in unserer Gesellschaft wird gefühlt als eine Sache der 2010er betrachtet, zumindest in der öffentlichen Meinung: “auf einmal gab es den Trend vegan und so”. Was sich in meiner Forschung aber auch zeigt, ist, dass es schon viel länger einen Dialog dazu gab. Es war noch eine andere Zeit, aber viele Argumente, die ich heute auch nutze, wurden bereits damals im 19. Jahrhundert formuliert und man ging mit genau der gleichen Logik an das Thema heran. Natürlich gab es auch Argumente, die heute keinen Sinn mehr machen oder keine Rolle mehr spielen. Besonders die tierethischen Punkte, die man heute noch anspricht, wurden damals aber bereits angesprochen und die Erfahrungen, die Vegetarier*innen zu der Zeit machten, erkennt man heute auch wieder, zum Beispiel, wenn beim Essen ein Streit in der Familie ausbricht oder Leute einem sagen, Veganismus mache keinen Sinn oder ähnliches.

Diese Parallelen fand ich sehr interessant. Außerdem hat es denke ich auch einen gewissen Mehrwert, wenn wir in der Geschichte zurückblicken können und sehen, dass diese Debatten gar nicht so neu sind, sondern schon sehr lange geführt wurden. Veganer*innen sind keine realitätsfernen Hippies, die sich das mal eben so überlegt haben, sondern steckt dahinter eine lange Tradition teils auch globalen Denkens. Das gibt dem ganzen etwas Legitimation, aber ich finde es auch einfach unglaublich interessant. Ich kann mich teils darin wiedererkennen und es ist fast eine Suche nach den Wurzeln des eigenen Aktivismus.

3. Was gibt dir Inspiration und Motivation für deine Arbeit?

Leider wurde der erste Teil von Simons Antwort nicht aufgenommen. Daraufhin fasste ich zusammen, was er zuvor gesagt hatte: Da er allerdings bereits in der vorherigen Frage auf seine Motivation einging, ging nicht all zu viel verloren. Simon hat ein allgemeines Interesse an den Themen und wird hauptsächlich durch intrinsische Motivation angetrieben. Der Aktivismus und seine Forschung ergeben sich für Simon aus seinem Mindset.

Also versuchst du mit deiner Forschung auch, eine Alternative zu anthropozentrischen Ansichten zu bieten und die Rolle von Tieren stärker zu beleuchten, weil die Geschichtsschreibung logischerweise anthropozentrisch ist, da wir Menschen sie dokumentieren. Du versuchst quasi, die anthropozentrische Ansicht von Geschichte um eine Sichtweise zu ergänzen, die die Rolle von Tieren stärker berücksichtigt?

Simon: Ja. Das ist auch ein Ziel der Tiergeschichte, die sich immer mehr etabliert oder auch der historischen Human-Animal Studies. Ein weiterer interessanter Teil von Human-Animal Studies ist die Suche nach Alternativen zu einer hierarchischen Sicht auf Tier-Mensch-Verhältnisse und das wurde im deutschen Raum bisher noch nicht wirklich erforscht. Es wurde noch nicht die Rolle von Tieren in der Ablehnung von Tier-Mord betrachtet, beziehungsweise der vermeintlichen Ablehnung davon, wenn man das Beispiel der Ameisen betrachtet. Der Aktivismus und die Forschung ergeben sich für mich aber grundsätzlich aus der gleichen Haltung.

4. Gibt es bezüglich dessen etwas, worauf du besonders stolz bist? Beispielsweise einen Moment, in dem du dachtest: “Das fühlt sich richtig an”, quasi einen persönlichen Meilenstein?

Simon: Ich könnte das für die Forschung und Aktivismus getrennt beantworten. In der Forschung gab es das, wenn ich Argumentationen, die wir heute nutzen, in Werken aus dem 19. Jahrhundert wiederfinden konnte und Leute fand, die ich unglaublich gerne getroffen hätte. Da gäbe es zum Beispiel Gustav Struve, der zwei bewaffnete Aufstände für die Revolution 1848 anführte und frühsozialistische Forderungen stellte oder dessen Frau, die auch frühsozialistische Forderungen stellte, Frauenrechtlerin und auch Vegetarierin war. Daran begeistert mich, dass in der Mitte des 19. Jahrhunderts bereits Menschen solche für uns relevanten Aspekte erkennen konnten.

In einem tierhistorischen Kolloquium stellte sich heraus, dass das wirklich eine gute Forschungslücke ist, die ich da gefunden habe und es war ein cooles Gefühl, zu wissen, dass ich jetzt selbst an einem Thema forsche und eventuell Dinge herausfinde, die bisher noch niemand erforscht hat. Das gibt mir einfach einen intrinsischen Schub. Jedes Mal, wenn ich auf einen neuen Gedanken stoße, der von einem Vegetarier oder einer Vegetarierin formuliert wurde zu der Zeit, dann ist das cool und interessant und man kann es einweben in das breitere Bild.

Also immer, wenn du etwas findest, das gut zu deiner Forschung passt, gibt es einen kleinen Glücksmoment, der bestätigt, dass du ein gutes Thema gefunden hast?

Simon: Ja. Vor der Promotion gibt es auch immer eine gewisse Angst. Die Themen, die man erforscht, müssen auch zwangsläufig irgendwo Nischenthemen sein, weil so viele Themen bereits erarbeitet wurden. Die Revolution von 1848 wurde zum Beispiel schon durchgeforscht und bevor man anfängt, sich ein Thema zu erarbeiten, weiß man das eben noch nicht. Man weiß anfangs außerdem noch nicht genau, ob ein Thema noch nicht erforscht wurde, weil es dazu schlicht nichts gibt und ich habe da wohl enorm Glück gehabt, dass es zu meinem Forschungsfeld so viel gibt.

Beim Aktivismus gibt es einfach so viele prägende Momente, wo man sieht, wie bei den Menschen der Groschen fällt. Ich würde behaupten, wir sind so ziemlich alle mit der Sicht aufgewachsen, dass Menschen höhergestellt sind als Tiere. Selbst wenn man nicht mit der Ansicht aufgewachsen ist, dass Tiere immer Mitleid und Güte verdienen, gibt es immer diese Ebene der Handlungen. Und egal, wie unbewusst das ist, das Konsumieren von Tierprodukten ist immer hierarchisch. Die Nutzung von Tieren ist immer hierarchisch und ein Ausbeutungsverhältnis. Das ist nie auf Augenhöhe. Dahinter steckt dann ja auch eine riesige Ideologie. Melanie Joy hat das als Karnismus bezeichnet und es wird als normal dargestellt, dass wir Tiere essen “warum sollten wir was ändern?”

by surgeactivism on giphy: https://giphy.com/SurgeActivism/

Und da im Gesicht zu sehen, wenn Menschen merken, was die Alternative dazu ist, die vegane, anti-speziesistische Ansicht, ist echt cool. Das kann man wieder auf die ideelle und die Handlungsebene zurückführen. Viele denken schon so, handeln aber nicht dementsprechend und das kreiert einen inneren Widerspruch, der dann teils auch im Gespräch aufgelöst wird. Ich hatte auch mit Leuten zu tun, die mir nach dem Gespräch sagten, dass sie ab jetzt vegan leben werden, ob die es gemacht haben, ist fraglich, aber allein, dass das vielleicht der erste Schritt oder der letzte nötige Anstoß war, ist cool.

Vielleicht noch eine Erweiterung zu diesem Widerspruch: darauf bezogen kann man auch mit Tierschutz argumentieren oder mit Tierschutz-ähnlichen Gedanken. Wenn du die Straße entlangläufst und einen Vogel siehst, der sich in einem Zaun verfangen hat und blutet, ist dein erster Gedanke nicht: “Geil, der ist gleich tot. Den kann ich essen” Sondern denken wir instinktiv, dass da ein fühlendes Lebewesen ist, das leidet und wir haben die Macht, dieses Lebewesen von diesem Leid zu befreien. Auch Leute, die lange nicht vegetarisch oder vegan sind, Leute, die vielleicht täglich Tierprodukte essen, Leder oder Pelz tragen, retten teils in Videos Füchse, die mit dem Kopf in einer Dose stecken. Man hat das glaube ich schon verinnerlicht und, dass das nur umzusetzen ist, muss einfach noch in der Gesellschaft ankommen. Man hat ein positives Selbstbild und wenn man dann damit konfrontiert wird, für wie viel Leid man verantwortlich ist, kann es eben sein, dass Abwehrmechanismen in Kraft treten, die diese Erkenntnis blockieren.

Um ein spezifisches Beispiel zu nennen, es gab auch mal eine Studentin, die einen Vortrag von mir zu Tierrechten und Veganismus gesehen hatte und von da an vegan war und das seit ein paar Monaten richtig durchgezogen hatte und damit glücklich war. Das ist halt richtig cool. Auch zu sehen, dass Leute uns nicht mehr als Weltfremde sehen, sondern merken, dass das, was wir sagen, Hand und Fuß hat, ist schon cool. Und um das auf das Beispiel mit dem Vogel zurückzuführen, dem man instinktiv helfen würde, ich glaube, dieser vegane, anti-speziesistische Gedanke schlummert irgendwo in uns allen und kann geweckt werden und das gibt mir Hoffnung.

5. Hast du Tipps für Leute, die sich ebenfalls für das Thema interessieren und vielleicht noch einen Einstieg brauchen? Sprich, Empfehlungen für Anfänger*innen, Organisationen oder ähnliches aus deinem Feld, die man abchecken sollte?

Zum Aktivismus: es gibt mittlerweile extrem viele Initiativen, die extrem weit verstreut sind, aber da die Nähe zu suchen, kann helfen. Es kommt auch darauf an, was man bereit ist zu machen. Zum Beispiel gibt es auch Disruptions, wo man den normalisierten Prozess des Tier-Essens unterbricht und sich in ein Restaurant stellt, was natürlich, je nachdem, wie introvertiert oder extrovertiert man ist, mehr abverlangen kann. Aber es gibt auch solche Sachen, wie ich eben gesagt habe mit der Zirkus-Demo, wo man sich einfach ruhig hinstellt und vielleicht ein Plakat hält, was super easy ist. So findet man einen Einstieg und auch Freund*innen, die es einem leichter machen.

Wenn man als Einzelperson an eine Gruppe herangeht, ist es natürlich so ein “inside-group – outside-group”-Ding, aber aus meinen Erfahrungen kann ich sagen, dass sich die Leute in den Gruppen mega freuen, wenn man auf sie zugeht.

Allerdings sollte man auch darauf achten, welcher Organisation man sich da annähert. Zum Beispiel gibt es Anonymous for the Voiceless, die für Veganismus wichtige Sachen machen, aber ansonsten fragwürdig sind, was menschenrechtliche Positionen angeht. Die sträuben sich davor, sich gegen Rassismus und Sexismus auszusprechen und wollen die Tierrechtsfrage entpolitisieren, weil sie zum Beispiel denken, dass Pronomen nicht genannt werden sollten, um die Aufmerksamkeit nicht von den Tieren zu lenken. Im Zuge der BLM-Bewegung letztes Jahr wurden die auch gefragt, ob sie sich nicht mal positionieren wollen und die meinten dann, dass sie sich für BLM einsetzen würden, wenn die sich für Tierrechte einsetzten würden und ich denke mir nur: “Was zur Hölle?”.

So sollte man nicht an die Sache herangehen, sondern sollte man lieber möglichst viele soziale Gerechtigkeitsbewegungen unterstützen, soweit wie es einem selbst möglich ist, dann hören die anderen Bewegungen einem auch mehr zu. Das sind alles Unterdrückungsverhältnisse, die aber auch ihre eigenen Ausprägungen haben und natürlich in ihrer Eigenheit einzigartig sind, aber es gibt auch Überschneidungen und die kann und sollte man auch alle angehen. Es gibt leider Organisationen, die sich total dagegen sperren und da würde ich vorsichtig sein.

Für die Leute, die noch nicht vegan sind und vielleicht mal eine andere Erfahrung machen wollen, kann ich noch das Save Movement empfehlen. Das ist eine Organisation, die in vielen Ländern existiert und dort Mahnwachen abhält. Das sieht dann so aus, dass man dort vor dem Schlachthof wartet und die Tiere in den Transportern beruhigt. Je nach Rechtslage kann man den Tieren auch Wasser geben, in Deutschland ist das jedoch nicht erlaubt. Dabei sieht man aber zumindest das Tier. Oft sind die Tiere einfach unsichtbar und wenn man deren Leid sieht, dann nur distanziert über einen Bildschirm.

“Und wenn ein Schwein zu dir herankommt, dich ansieht, sich von dir streicheln lässt und das die womöglich erste und letzte positive Erfahrung seines Lebens ist, weil es zehn Minuten später betäubt in einer Gaskammer liegt und getötet wird, ist das schon eine heftige Erfahrung. Ich glaube, danach kann man eher nachvollziehen, wieso Menschen die Entscheidung treffen, Tiere nicht mehr zu nutzen.”

Andererseits gibt es aber auch Lebenshöfe, wo man, wenn nicht gerade eine Pandemie durch die Lande zieht, die Tiere kennenlernen kann. Dabei kann man auch sehen, dass die nicht anders sind, als die Tiere, die man ohnehin schon liebt und schützen will, wie Hunde, Katzen etc. und nimmt sie nicht nur als entferntes Objekt, sondern auch als glückliches Lebewesen wahr.

Manche Lebenshöfe kann man einfach besuchen, bei anderen hilft man aus und macht die Gehege sauber, aber das kommt darauf an, wie die Höfe aufgestellt sind. Die Tierlebenshöfe brauchen auch immer Unterstützung, ob jetzt Geld oder Hilfe bei der Arbeit. Lebenshöfe arbeiten in einem schwierigen Feld und ich finde unterstützenswert, was sie machen, weil sie aktiv Individuen ein gutes Leben ermöglichen.

Ein sehr detaillierter Blogpost zu Lebenshöfen in Deutschland: https://blog.de.vanilla-bean.com/vegane-lebenshoefe-gnadenhoefe/

6. Gibt es etwas anderes, das du sagen möchtest?

Ich kann mir vorstellen, dass meine Forschung kritisiert wird. Ich komme eben aus dem Aktivismus und habe eine Vision für Veränderung, die ich erreichen möchte. Es ist nicht so, als wäre ich ein Prophet oder so, aber natürlich möchte ich mit meinem Aktivismus etwas erreichen. Da gibt es immer die Kritik, dass Wissenschaft unpolitisch sein müsse und dazu würde ich gerne sagen, dass es erstens ein privilegierter Standpunkt ist, das sagen zu können und zweitens Wissenschaft immer politisch ist, was positiv und negativ sein kann.

Ein positives Beispiel wäre die Feminismus-Forschung, die extrem viele neue Blickwinkel geschaffen und die Wissenschaft geprägt und vorangebracht hat und das kam natürlich aus dem Feminismus, einer sozialen Gerechtigkeitsbewegung. Ginge man nach der Logik, dass Wissenschaft unpolitisch sein müsse, dann müsste man Feminismus-Forscher*innen auch vorwerfen, dass sie voreingenommen seien.

Genau so gibt es aber auch Negativbeispiele, in denen sich die Wissenschaft bewusst abkapselt, als unpolitische Entität, und keine Position bezieht. Das ist auch eine politische Entscheidung.

Genau und das hat Auswirkungen. Keine Position zu beziehen wirkt sich im Zweifelsfall ebenfalls aus.

Und darüber hinaus frage ich mich, was es bringen soll, eine in Anführungszeichen “apolitische” Wissenschaft zu betreiben, die sich raushält, im Elfenbeinturm sitzt und keine weltlichen Auswirkungen hat. Ich finde gerade Forschung wertvoll, die sich als politisch versteht, wie die Feminismus-Forschung und die Tiergeschichte, die nach der Handlungsmöglichkeit von Tieren sucht, um Tiere nicht mehr als passive Objekte des Menschen zu betrachten, sondern als aktive Subjekte, die auch Veränderungen anstoßen können. Ansonsten sollte man sich damit befassen, was wir in der Gesellschaft mit Tieren anstellen, wie wir dazu stehen und was man selbst unternehmen kann.

Schlusswort:

Das war auch schon mein erstes Interview auf diesem Blog. Da Repräsentation einen großen Teil dieses Blogs ausmacht, war es für mich schlichtweg der logische Schritt, vermehrt die Positionen anderer Menschen einzubinden. Ich hoffe, auf diese Art und Weise eine Plattform für wichtige Themen zu bieten und freue mich auf kommende Interviews. Gibt es Themen, die euch besonders interessieren und über die ihr mehr erfahren möchtet? Dann schreibt sie gerne in die Kommentare.

Zukünftig möchte ich wieder regelmäßig Content veröffentlichen. Wegen meines Studiums und sonstigem Stress fiel mir das die letzten Monate sehr schwer, doch ab jetzt sollten wieder regelmäßig neue Beiträge in allen Formaten erscheinen. Ihr könnt euch also auf neue Inhalte und neue Posts zu älteren Formaten freuen und wer weiß, vielleicht kommt es zukünftig auch zu der einen oder anderen Kooperation?

Wenn ihr euch für das Save Movement interessiert, checkt deren Homepage ab: https://thesavemovement.org/

Wie immer vielen Dank für’s Lesen und darüber hinaus vielen Dank an alle neuen Leser*innen. Nochmals Shout Out an Simon für das Interview!

-sovlvpvnk

Published by sovlpvnk

On this blog, I talk about the alternative music scene and its ethics as well as LGBTQIAP+ -related topics. I mostly write about asexuality, political issues and their representation in media. Expect content in English and German once per month. Book and film reviews on my goodreads and letterboxd accounts: sovlpvnkblog and sovlpvnk.

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